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Aus der Forschung

Es begann mit den Hugenotten
von Gudrun Petasch

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Die Gründung Neu-Isenburgs 1699 durch Graf Johann Philipp von Ysenburg und Büdingen zu Offenbach ist eine Folge der Widerrufung des Toleranzedikts von Nantes. Mit diesem „Edikt von Fontainebleau“ hatte der französische König Ludwig XIV. im Jahr 1685 einer zunehmend halbherzigen Duldung des – calvinistischen – Protestantismus ein Ende gesetzt. Etwa ein Fünftel aller „Hugenotten“, aus religiösen Gründen überwiegend Angehörige der ökonomischen und bildungsmäßigen Elite Frankreichs, verließen darauf illegal ihr Heimatland und fanden in den protestantischen Nachbarstaaten, vor allem aber bei den absolutistischen Landesherren des durch Krieg und Pest entleerten und wirtschaftlich rückständigen Alten Reiches, dankbare Aufnahme.

Als die Hoffnung des recht mittellosen ysenburgischen Grafen Johann Philipp scheiterte, mit Hilfe international orientierter Manufakturbetreiber und technisch avantgardistischer Handwerker aus Frankreich sein Residenzstädtchen Offenbach zu modernisieren, ließ er sich von einem Teil der Immigranten bewegen, ihnen an der Südgrenze zur Freien und Reichstadt Frankfurt Land zur Ansiedlung zu überlassen und diese Siedlung mit weitreichenden Privilegien auszustatten.

Am 24. Juli 1699 leisteten 34 französische Familienväter im Offenbacher Schloss dem Landesherrn den Treueeid. Im Gründungsprivileg billigte der Gründer der französisch-reformierten Kirchengemeinde und ihrem Konsistorium die weitgehenden lokalen Selbstverwaltungsrechte der reformierten französischen Kirchenordnung zu; in Fragen des Zivilrechts und der guten „Policey“ galt ergänzend das Solmser Landrecht. Im Schutz der weitgehenden ökonomischen und bürgerlichen Freiheiten entwickelte sich das anfänglich geplante Bauerndorf „Ysenburg“, „Welschdorf“ oder „Philippsdorf“ trotz Fluktuation und Armut schnell zu einem regionalen Zentrum der mechanischen Strumpfwirkerei.

Die Neu-Isenburger Wirtschaft atmete im Rhythmus der beiden jährlichen Frankfurter Messen. Die vor allem im Süden Frankreichs hochentwickelte Textilfabrikation wurde in Neu-Isenburg und Umgebung zur Quelle allmählichen Wohlstands und war der Hauptmotor kultureller und religiöser Vermischung. Hier wohnten und arbeiteten Hugenotten und Waldenser, französische und deutsche Reformierte, Lutheraner und später sogar Katholiken; die Schutzjuden der Umgebung trieben Handel mit der Dorfbevölkerung. Jedoch führte das Zusammenleben so unterschiedlicher Gruppen mit noch unterschiedlichen Rechten auch zu massiven Konflikten um Einfluss und Ressourcen, was die Modernisierung der Bevölkerung beförderte.

Die gewerbliche Grundstruktur des Dorfes und die damit verbundene frühe „Verankerung der methodischen Lebensführung“ (Max Weber) in allen Bevölkerungsgruppen hat den großen Aufschwung des Ortes im Zeitalter der Industrialisierung vorbereitet.

Bansamühle
von Bettina Stuckard

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„Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen.
Aus dem hohlen finsteren Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.“

Was Goethe da seinen Faust während des Osterspazierganges beobachten läßt, wiederholt sich auch zu unserer Zeit allsonntäglich im Wald um Neu-Isenburg. Zwar gab es um Isenburg nie eine Stadtmauer, so daß auch die Vorstellung eines finsteren Stadttores hinfällig wird, aber verkehrsreiche Straßen erfüllen heute einen ähnlichen Zweck: Kaum sind Friedensallee oder Carl-Ulrich-Straße überquert, läßt es sich ganz angenehm im Wald spazieren. Kiefernduft in der Nase und Kuckucksrufe im Ohr, ist es leicht, das hektische Treiben während der Woche zu vergessen.

Das die Natur der Erholung dient, ist noch keine sehr alte Erkenntnis, bis ins 18. Jahrhundert hinein wurde die Natur als etwas bedrohliches empfunden, deren Unberechenbarkeit für die Menschen existentielle Nöte mit sich bringen konnte. Erst mit der Aufklärung kam es zu einem veränderten Bewußtsein. Die Stadt wurde al begrenzter Lebensraum erfahren, in dem die Menschen auf engstem Raum miteinander leben mußten und strikten Reglementierungen unterworfen waren.

Die tradierten Normen und Werte legitimierten das Ständesystem und für individuelle Bestrebungen gab es keinen Raum in der bestehenden städtischen Gesellschaftsform. Das änderte sich mit der Französischen Revolution. Rousseaus „Zurück zur Natur“ umfasste zum einen die Natur des Menschen, seine Bedürfnisse, Sehweisen, Gewohnheiten und Menschenrechte (= die ihm von Natur aus zustehenden Rechte) und bezog sich zum anderen auf die natürliche Umgebung außerhalb der Stadt, die Wälder, Wiesen und Gärten miteinschloß. Die Entgrenzung durch die Natur ließ sich somit auf die gesamte Lebenswelt des aufgeklärten Bürgertums anwenden – Gesellschaft, Ökonomie, Kultur, Kunst, Lebensbedingungen – und stand der traditionellen Lebenswelt gegenüber.

Während in Frankfurt also das Leben durch den städtischen Rat bestimmt war, wurde alles, was vor den Stadttoren lag, zur Natur gezählt. Dazu gehörte auch das Dorf Neu-Isenburg. Inmitten von Gemüsegärten und Bleichwiesen, Viehweiden und Wälder zum Holzschlagen gelegen, eignete es sich für das idealisierende Bild der gestalteten Natur. Ob die Isenburger in ihrem Landschaftsgarten besonders harmonische Menschen waren, weil ihnen aus der Beschäftigung in und der Betrachtung aus der freien Natur eine Erkenntnis der Seinsweise erwuchs, sei dahingestellt.

Die freie Entfaltung der Vegetation entsprach der Idee von des neuen Menschenbildes, nach dem sich ein Individuum nach Vermögen und Veranlagung ausbilden können sollte – in einem Rahmen, dessen Ordnung Schutz und nicht zwanghafte Einschränkung bedeutete. Diesen Rahmen sollten die Familie und der ideale Staat gewährleisten. Als Konsequenz davon kam es in der Folge zu einem Rückzug ins Private. Eine Aufteilung der Lebensprozesse wurde vorgenommen, die bei den reichen Frankfurter Familien eine Aufspaltung der Lebenswelt nach sich zog: Gearbeitet wurde in der Stadt und innerhalb der engen Mauern die Restriktionen akzeptiert und weitergetragen; Erholung und Freizeit, freiheitliches Leben, fand dagegen außerhalb der Stadtmauern statt.

Ende des 18. Jhd. wurde es Mode, daß die wohlhabenderen Frankfurter Familien sich Gartenhäuser und Sommersitze vor den Toren Frankfurts zulegten. Häufig wurden dabei landwirtschaftliche Höfe aufgekauft und teilweise umfunktioniert, wie die Bansamühle, die agrarwirtschaftlich genutzt wurde, und deren Haupthaus als Palais ausgebaut wurde. Der Auszug aus der engen Stadt war gleichzeitig Ausbruch aus den engen Konventionen, denn vor der Stadt waren die Bürger ihren Verpflichtungen des Stadtbezirks enthoben.

Innerhalb Frankfurts wurden die Bürger bis in den privatesten Bereich hinein reglementiert: Was angezogen, gegessen und gelesen werden durfte, war vorgeschrieben. Außerhalb der Stadt bestimmte allein das finanzielle Vermögen, welche Freiheiten möglich waren. Möbel, Lebensmittel, Bücher, die legal nicht in die Stadt gebracht werden konnten, wurden in die Gartenhäuser gebracht, von auswärtigen Besuchern und Geschäftsfreunden erfuhr der Rat nichts. Gartenhäuser waren somit Orte der bürgerlich liberalen Ungebundenheit und ermöglichten ein freies Leben. Das Gartenhaus wurde im allgemeinen von der Familie bewohnt und war Mittelpunkt des privaten Lebens, Ort der Privatshpäre. In der Architektur der Gartenhäuser wurde der Anspruch nach einer Verbindung des Schönen mit dem Zweckmäßigen beachtet: Das praktische Bedürfnis nach Erholung in schöner Umgebung.

Auch die Bansamühle, eigentlich Löbersche Mühle, wurde im 18. Jahrhundert als Gartenhaus umgebaut, indem die Familien Schönemann und Bansa ihre Sommer verbrachten. Gebaut wurde die Mühle 1705 von dem Baumeister der Neu-Isenburger Stadtanlage, Andreas Löber. Löber hatte von Graf Johann Philipp von Isenburg den Auftrag erhalten, für die französischen Hugenotten, die als Flüchtlinge von dem Graf Asyl bekommen hatten, eine Stadt zu bauen. Löber selbst kaufte sich ganz in der Nähe „seiner“ Stadt ein Stück Land und errichtete eine Mühle im barocken Stil.

1712 starb Löber und die Mühle ging durch einige Hände, bis sie 1762 der Bankier Johann Wolfgang Schönemann, der Vater von Goethes späteren Verlobten Lilli, kaufte. 1766 erwarben die Brüder Johann Conrad und Johann Matthias Bansa die Mühle. Hier pflegten sie ihr Gesellschaftsleben und zu dem engeren Freundeskreis, der sich regelmäßig auf der Mühle traf, gehörten Goethes Mutter, die Familien Willemer, Brentano und Gontard. Zwar gibt es keine schriftlichen Zeugnisse, daß Goethe je selbst auf der Bansamühle zu Gast war, aber sicher ist sie ihm nicht unbekannt gewesen, und die Freundschaft der Familien Goethe und Bansa wird in den Briefen der Eleophe Bansa (Ein Lebensbild in Briefen aus der Biedermeierzeit) oft betont. Es fällt also nicht schwer, sich vorzustellen, wie Goethe im Garten der Bansamühle gesessen haben mag, und ihm ein paar Zeilen für sein neues Drama eingefallen sind:

„Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet Groß und Klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

Alexandria
von Bettina Stuckard

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Neu-Isenburg nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Stadt liegt in Schutt und Asche. Nahezu alle Häuser sind nach den Bombenangriffen beschädigt, viele zerstört worden. Es mangelt am Grundsätzlichen: Zuwenig Wohnraum, zuwenig Nahrungsmittel, zuwenig Kleidung. Es werden notdürftige Holzbaracken gezimmert, in denen die Menschen vorerst unterkommen. Es werden mühsame Versuche unternommen, den schlechten Böden einen geringen Ertrag abzuringen, um etwas Gemüse oder ein paar Kartoffeln zu bekommen. Es werden aus Vorhängen und alten Uniformen Wintermäntel genäht. Trotzdem sitzen in den provisorischen Schulzimmern unterernährte Kinder, frieren die Isenburger in ihren Notunterkünften.

In dieser Situation bekommt die Stadt unerwartete Hilfe: Ausgerechnet von den ehemaligen Kriegsgegnern, von den Amerikanern, wird ein Hilfsprojekt ins Leben gerufen. Selbst von den Nachkriegwehen betroffen, schlossen sich amerikanische Bürger zusammen, sammelten Kleidung und Nahrungsmittel und schickten diese nach Deutschland. Care-Pakete und Kleidersäcke – an die Freude über diese Gaben daran erinnern sich noch einige der älteren Isenburger.

Ein Wille zur Hilfe kann nur dann umgesetzt werden, wenn die Organisationsstrukturen gut durchdacht sind. Auf amerikanischer Seite hatten sich mehrere große Wohlfahrtsverbände zusammengetan und einen Dachverband, den CRALOG gegründet. Die Anfangsbuchstaben stehen für Council of Relief Agencies Licensed for Operation Germany. Dieser Dachverband, mit Sitz in Berlin, koordinierte die nach Deutschland fließenden „Liebesgaben“, wie die Hilfsgüter genannt wurden, die die amerikanische Bürger spendeten. Auf deutscher Seite sorgte der „Deutsche Zentralausschuß für die Verteilung ausländischer Liebesgaben beim Länderrat“ dafür, daß die Hilfe an die richtigen Stellen weitergeleitet wurde. Das Hilfswerk der Ev. Kirche in Deutschland und der Landes-Caritas-Verband bildeten den Vorsitz des Deutschen Zentralausschusses.

Die Vermittlung der Hilfe erfolgte, indem sich eine amerikanische Stadt bereit erklärte, eine Patenschaft für eine deutsche Stadt zu übernehmen.
Am 20. Januar 1948 besuchten die Vertreter der CRALOG Neu-Isenburg: Dr. Owen J.C. Norem, Field Director und Vertreter für Deutschland, Mr. Kenneth B. Wentzel, Vertreter für Hessen. Bereits zuvor hatten sie einen Fotoband über Neu-Isenburg erhalten und waren über die Lage informiert worden. Gemeinsam mit Maj. Sheehan, Leiter der Landesmilitärregierung in Offenbach, Landrat Arnoul und Bürgermeister Bauer wurde die Patenschaft besprochen. Alle Beteiligten waren sich einig, daß es ihnen nicht nur auf die materielle Hilfe ankam, sondern auch darauf, daß menschliche Verbindungen zustande kämen und „durch eine solche Freundschaft zweier Städte in verschiedenen Ländern der wertvollste Beitrag zur Befriedung der Menschheit überhaupt getätigt wird“. So formulierte es der damalige Bürgermeister der Stadt Neu-Isenburg, Adolf Bauer, als sich ihm die Stadt Alexandria im Staate Minnesota vorstellte: Alexandria, damals nur halb so groß wie Neu-Isenburg, mit 7.000 Einwohnern, von denen 75% Protestanten, 25 % Katholiken und 75% deutscher oder skandinavischer Abstammung waren, mit wenig Industrie, aber gesunden Handwerks- und Handelsunternehmen.

In Alexandria wurden innerhalb kürzester Zeit 2,5 Tonnen guterhaltene Kleidung gesammelt. Allerdings sollte es ein gutes Jahr dauern, bis die Hilfslieferung in Neu-Isenburg ankamen, denn die vielen Zollbestimmungen nach dem Krieg und der durch die Militärregierung eingeschränkte Informationsfluß verzögerte die Weiterleitung. Um dem quälenden Warten vorzubeugen, entschied sich die Neu-Isenburger Stadtverwaltung dazu, die Bürgerinnen der Stadt vorerst nicht über die zu erwartenden Hilfsgütern zu informieren. Die Verteilung der Kleidung wurde den Isenburger Wohlfahrtsverbänden übertragen: Caritas, Inneren Mission, Arbeiterwohlfahrt, Rotes Kreuz und die Vertreter der städtischen Wohlfahrtsbehörde bildeten eine Komitee. Hier wurde bestimmt, wer Kleidung erhalten und in welcher Form die Verteilung vorgenommen werden sollte.

Am 21.12.1948 wurde das Eintreffen der Hilfslieferung aus Alexandria im Saal des Turnvereins gefeiert und die Spenden der Partnerstadt verteilt. Die Weihnachtsfeier wurde vom Philharmonischen Verein musikalisch gestaltetet; Vertreter der Hilfsorganisationen und amerikanische Gäste waren eingeladen, um das ganz besondere Weihnachtsgeschenk für die Isenburger Bürger entsprechend zu würdigen. In den kommenden Wochen konnten sich dann viele Familien über ihre „neuen“ Kleidungsstücke freuen.

Eine von ihnen war Gisela Elsinger, 14 Jahre alt, die mit ihrem Zwillingsbruder Rudi im Frühjahr zur Konfirmation gehen sollte. Der Vater war in russischer Kriegsgefangenschaft und die Mutter kam nur mühsam über die Runden. Sie war sehr froh, als sie von der „braunen Schwester“, Schwester Anna, auf das Kleiderlager alten Stadtbad aufmerksam gemacht wurde, wo die Kleidung aus Amerika zur Verteilung gelagert wurden. Ein dunkelblaues Chiffonkleid mit rosa Paspeln wurde für Gisela Elsinger als Vorstellungskleid ausgesucht, ein schwarzes Kleid mit weißen „Mäusezähnchen“ als Konfirmationskleid. Der Bruder bekam einen dunklen Anzug. „Ich war begeistert“ erinnert sich Gisela Bartsch, wie sie heute heißt. „Die Kleider waren tadellos, nur etwas angestaubt.“ Freundinnen kamen, um sich die Kleider anzusehen. Die Kleider aus Alexandria hat Gisela Bartsch auch deshalb so genau in Erinnerung, weil sie darin den Vater begrüßen konnte, der als Spätheimkehrer kurz vor ihrer Konfirmation im Frühjahr 1949 nach Hause kam.

Fünfzig Jahre sind seit dieser bewegten Zeit vergangen. Der Kontakt mit Alexandria ist nach einer zweiten Hilfslieferung, die 1951 eintraf und aus 1.682 Paar Schuhen bestand, eingeschlafen. Vielleicht waren die Isenburger während des Wiederaufbaus zu beschäftigt, um sich der Großzügigkeit Alexandrias erkenntlich zu zeigen; vielleicht waren keine privaten Kontakte zustande gekommen, wie dies ursprünglich von beiden Seiten erwünscht gewesen war – über die Gründe ist in den städtischen Akten nichts zu finden. Auch über die Menschen, die damals Kleidungsstücke in Empfang nehmen konnten, ist nichts bekannt, wenn es nicht glücklichen Umständen zu verdanken ist, daß einzelne sich zu Wort melden.

Isenburger Wäscherinnen – Alltag im 19. Jht.
von Bettina Stuckard

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Im 19. Jahrhundert war es für Frauen in bürgerlichen Kreisen unüblich, einer Lohnerwerbsarbeit nachzugehen. Ein Ehemann bzw. die Familie versorgte die Frau. Für Frauen aus unteren Schichten war Lohnarbeit dagegen für das Überleben unverzichtbar. Häufig wurden Mädchen bereits mit 13 Jahren „in Stellung“ gegeben und mußten als Dienstmädchen oder als Fabrikarbeiterin arbeiten. Die Arbeitsbereiche von Frauen entsprachen den Aufgaben, die von ihnen auch im Privaten erwartet wurden: Waschen, Putzen, Nähen, Kochen – in der Industrie wurden diese Beschäftigungen vor allem in der Textilindustrie und dem Reinigungsgewerbe geleistet.

Während es in Frankfurt im Zuge der Industrialisierung viele Fabriken gab, arbeiteten Frauen in Neu-Isenburg vor allem in einer der 76 Wäschereien, die 1897 existierten. Diese Wäschereien waren kleine Familienbetriebe, in denen bis zu sieben Angestellte beschäftigt waren. Insgesamt waren 208 Frauen als Wäscherinnen oder Büglerinnen angestellt. In den meisten Betrieben wurde gewaschen und gebügelt, so daß die Frauen viele Aufgaben hatten. Der Arbeitstag war lang, und es war keine Seltenheit, daß bis in die Nacht gearbeitet wurde. Da es keine festgelegte Arbeitszeiten gab, wurden Überstunden nicht bezahlt. Üblich waren Arbeitszeiten von 13 – 14 Stunden, für die die Wäscherinnen 1,20 Mark bis 1,30 Mark am Tag erhielten. Frauen verdienten im Vergleich zu Männern sehr schlecht: Das Gehalt eines Schreiners betrug 1902 am Tag zwischen 3,62 Mark und 5,70 Mark. Die Grundnahrungsmittel waren nicht billig:

ein Pfund Kartoffeln: 9 Pfennige
ein Pfund Brot: 15 Pfennige
ein Liter Milch: 20 Pfennige
ein Pfund Mehl: 18 Pfennige
ein Pfund Zucker: 27 Pfennige
ein Hering: 4 -5 Pfennige
ein Pfund Schweinefleisch: 1,02 Mark

Es kam vor, daß Frauen 18 Stunden am Stück beschäftigt wurden, und die Arbeit des nächsten Tages in der Nacht erledigt werden mußte. Der nächste Tag konnte von den Wäschereibesitzern dann – unbezahlt! – freigegeben werden. „Freie Kost“ wurde den Arbeiterinnen in den Wäschereien gestellt. Häufig war das Essen jedoch von sehr schlechter Qualität. Hauptsächlich bestand es aus Kartoffeln und Butter, was beides rationiert ausgegeben wurde. Heringe gehörten ebenfalls zum Arme-Leute-Essen.

Eine Frau, die unter solchen Bedingungen arbeitete, stand vor dem Problem, daß sie auch noch Kinder, Ehemann und Haushalt versorgen mußte. Kinder hatten die meisten Arbeiterinnen. 6-12 Geburten waren die Regel, davon überlebte etwa die Hälfte der Kinder. Empfängnisverhütung wurde durch § 184 des Strafgesetzbuches für das deutsche Reich, dem „Sittlichkeitspararaphen“, erschwert: Unsittlich, und somit strafbar, war, wer „Gegenstände, die zu unzüchtigem Gebrauche bestimmt sind, an Orten, welche dem Publikum zugänglich sind, ausstellt oder solche Gegenstände dem Publikum ankündigt oder anpreist.“ Zu diesen Gegenständen gehörten auch die Verhütungsmittel. Für Arbeiterfrauen waren empfängnisverhütende Mittel ohnehin viel zu teuer. Sie nahmen Abtreibungen in Kauf, die häufig als einzige Möglichkeit praktiziert wurden, um eine Schwangerschaft zu verhindern. Reichte der Lohn des Mannes nicht aus, um einen eigenen Hausstand zu gründen, blieb es bei einem Liebesverhältnis zwischen Frau und Mann. Unverheiratete Mütter mußten in jedem Fall mit der Verachtung ihrer Umwelt leben. Die verheiratete Frau, die dazuverdienen mußte, um den Lebensunterhalt zu sichern, war unter Arbeiterinnen die Norm. In bürgerlichen Kreisen wurde eine Berufstätigkeit der Frau dagegen als unschicklich angesehen, bestenfalls überbrückte sie die Zeit zwischen Schule und Ehe mit einer kurzfristigen Erwerbstätigkeit.

Eine Neu-Isenburger Wäscherin hatte das Leben der Bürgersfrau stets vor Augen: Die feingestickte Wäsche der reichen Frankfurter Haushalte stapelte sich jeden Tag vor ihr auf. Der süße Duft frischer Wäsche verschaffte den Wäscherinnen ein saures Dasein. Zunächst wurde die schmutzige Wäsche von den Wäschewagen der Betriebe bei der Kundschaft in Frankfurt eingesammelt. Bis der Wäschewagen die gestärkte und gebügelte Wäsche dann wieder auslieferte, wurden viele Arbeitsgänge durchlaufen: Zunächst mußte die Wäsche in die Waschküche geschafft werden, in der ein heizbarer Waschkessel stand. Unter dem Kessel wurde ein Feuer entzündet, während die Lehrmädchen mit großen Karren Bottiche voll Wasser aus dem nahen Luderbach herankarrten. Die Wäsche wurde eingeweicht und schließlich in das kochende Wasser des Waschkessels gewuchtet. Mit großen Holzlöffeln wurde die Wäsche bewegt, dann wieder herausgenommen, auf Waschbrettern, den „Ruffeln“, bearbeitet und durch die Wringmaschine gedreht.

Nun mußte die Wäsche mehrfach ausgespült und wieder ausgewrungen werden. Dann wurde sie zum Bleichen auf die großen Bleichwiesen gebracht, die sich im Osten der Stadt an die Wiesenstraße anschlossen. Die Wäsche wurde auf der Wiese ausgebreitet, durch Begießen feucht gehalten und immer wieder gewendet, bis sie fleckenlos und strahlendweiß gebleicht war. Die „Isenburger Rasenbleiche“ wurde zum Gütezeichen der Stadt und die Bleichwiesen waren ein bedeutender Wirtschaftsfaktor: Die Wiesen um Neu-Isenburg waren feucht, weil die Lehmschichten im Boden das Regenwasser festhielten. Das weiche Wasser eignete sich besonders gut zum Wäschewaschen. Nur in Kelsterbach herrschten ähnlich ideale Zustände, so daß die Isenburger Wäschereien kaum Konkurrenz zu fürchten hatten. Die Abwässer der Wäschereien flossen zusammen mit allen anderen Abwässern wieder in den Luderbach: Ein ekelerregender Gestank war die Folge. Das Abwasserproblem wurde erst 1914 gelöst, als Neu-Isenburg seine Schmutzwässer in die Frankfurter Kanalisation leiten konnte.

Nach dem Waschen mußte die Wäsche zunächst gestärkt, dann gebügelt werden. Auf dem Bügelofen wurden dazu mehrere Bügeleisen erwärmt, so daß die Büglerinnen ununterbrochen beschäftigt waren. Die Arbeit wurde im Stehen verrichtet. Eine Arbeitsplatzbeschreibung für Bügeleien, die 1908 von der Frauenrechtlerin Henriette Fürth vorgestellt wurde, macht deutlich, wie anstrengend auch diese Arbeit gewesen sein muß:

Bügelei: nur für ältere, mindestens 17jährige und sehr kräftige Mädchen geeignet, allen anderen entschieden zu widerraten.
Arbeit: Stehend zu verrichten. Bügeln von Kleidern, Herren-, Damen- und Hauswäsche.
Lehrzeit: In einzelnen Betrieben keine. Dort Anfangsvergütung im 1. Jahr von 70 bis 80 Pf. pro Tag. Anderwärts wird für eine Lehrzeit, die 3-6 Monate dauert, ein Lehrgeld von 40 Mk. entrichtet. Nach dieser Zeit tritt Akkordarbeit ein.
Lohn: Anfangslohn im Akkord 9-10 Mk., im Wochenlohn 6 Mk., Durchschnittslohn 10 Mk. Höchstlohn (nur bei Schädigung der Gesundheit erreichbar) 18 Mk. wöchentlich.
Arbeitszeit: 10 bis 10 1/2 Stunden. Ueberarbeit nach Stundensatz entlohnt. In einzelnen Betrieben mit Wochenlohn keine Vergütung für Ueberstunden. In manchen Betrieben Verköstigung. Bügelofen meist mit Koks geheizt und im gleichen Raum aufgestellt. Gesundheitsgefahren sind vorhanden.

Eine junge Frau, die 1897 in einer Neu-Isenburger Wäscherei als Lehrmädchen arbeitete, hatte wenig Zeit für Vergnügungen. Tanzveranstaltungen am Wochenende bildeten eine Abwechslung in ihrem harten Leben: Hier bot sich ihr die Gelegenheit, Männer kennenzulernen. Turn-, Gesangs oder Schützenvereine blieben den Männern vorbehalten. Da nur ein Ehemann die drückende Situation der Frau erleichtern konnte – zumindest, wenn sich nicht allzuviele Kinder einstellten – war es für die unverheiratete Frau wichtig, gezielt für sich zu werben: Das Schönheitsideal des ausgehenden Jahrhunderts verlangte einen üppigen Busen, breite Hüften, Wespentaille, einen flachen Bauch und ein ausladendes Hinterteil. Ein Korsett ermöglichte die Formgebung der Figur und die Betonung der Geschlechtsmerkmale. Nahezu alle Frauen trugen um 1900 ein Korsett, obwohl selbst die einfachsten Ausführungen das Einkommen einer Arbeiterin überschritt. Wenn sie nicht auf die billige Fabrikware zurückgreifen konnten, nähten sie ihre Korsetts selbst. Schlecht sitzende Korsetts und starke Schnürungen hatten Leberschäden, Deformationen wie „Schnürfurchen“ und andere Gesundheitsschäden zur Folge. Das Korsett wurde über das Hemd und die im Schritt offene Hose gezogen, über das Korsett kam die Untertaille, ein oder zwei Unterröcke, gestrickte Strümpfe, das Kleid und die Schürze. Die Unterkleidung wog insgesamt etwa 3,5 Pfund.

Es bleibt offen, ob die Isenburger Wäscherinnen tatsächlich bei ihrer Arbeit die übliche Unterkleidung trugen, oder ob sie auf einige Kleidungsstücke verzichteten, um sich die Beweglichkeit bei der Arbeit zu erleichtern. Da die bürgerlichen Frauen jedoch Vorbild der einfacheren Frauen waren und Reformbewegungen von Frauenrechtlerinnen und Medizinern erfolglos blieben, muß letzteres bezweifelt werden. Die Kleidung der Arbeiterinnen bestand aus derben und leicht zu pflegenden Stoffen wie Baumwolle und Leinen. Das Sonntagskleid war aus dunklem Wollstoff, worauf Flecken nicht auffielen. Das „gute“ Kleid war häufig das Kleid, in dem eine Frau geheiratet hatte und das sie dann an den Feiertagen auftrug. Dementsprechend wurde in Schwarz geheiratet. Hygiene wurde aufgrund vieler Körpertabus, aber auch wegen der beengten Wohnverhältnisse, ungeheizter Räume, Zeitmangel und Armut klein geschrieben: Das Hemd, das oft gleichzeitig als Nachthemd diente, war so geschnitten, daß es einen großen Halsausschnitt hatte, um das Waschen zu erleichtern. Einen gutgefüllten Wäscheschrank, in dem die Wäsche für ein ganzes Leben als Mitgift in die Ehe gebracht wurde, konnten nur bessergestellte Frauen aufweisen. Die Arbeiterinnen waren froh, wenn sie überhaupt ein Hemd zum Wechseln im Schrank hatten.

Die Verhältnisse, in denen Frauen in Neu-Isenburg lebten, verbesserten sich erst durch die Reformen, die die Frauenrechtlerinnen durchsetzten. In Frankfurt wurden zahlreiche Vereine gegründet, in denen Frauen Hilfe angeboten wurde: Der Bund für Mutterschutz setzte sich für Entbindungsheime für ledige Mütter und Wohnheime für Mutter und Kind ein, es entstanden Beratungsstellen für Frauen, wie Frauenrechtsschutzstellen, im Verein Frauenbildung-Frauenstudium wurden Bildungsmöglichkeiten für Frauen eingefordert, ebenso im Bildungsverein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse, es wurde eine Frauenwohnungsgenossenschaft gegründet und vieles mehr. Der Streik der Wäscherinnen in Neu-Isenburg 1897, unterstützt von der bürgerlichen Frauenbewegung, ist ein entscheidender Schritt im Wandlungsprozeß zu einer freieren Gesellschaft gewesen.

Quellen:

Fogel, Heidi: „Neu-Isenburg auf dem Weg vom Dorf zur Stadt an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert“ Zum 100. Jahrestag der Stadterhebung Neu-Isenburgs am 21. August 1894. Magistrat der Stadt Neu-Isenburg. mt Druck Walter Thiele, Neu-Isenburg, 1994.

Junker, Almut; Stille, Eva: „Zur Geschichte der Unterwäsche 1700-1960“ Kleine Schriften des Historischen Museums Frankfurt, Band 39. Hassmüller KG, Frankfurt, 1991.

Orland, Barbara: „Haushalts Träume. Ein Jahrhundert Technisierung und Rationalisierung im Haushalt“ Arbeitsgemeinschaft Hauswirtschaft e.V. und Stiftung Verbraucherinstitut (Hrsg.). Robert Langewiesche Nachfolger Hans Köster, Königstein im Taunus, 1990.

Schmidt-Linsenhoff, Viktoria; Hoffmann, Detlef; Junker, Almut; Kübler, Sabine; Mattausch, Roswitha: „Frauenalltag und Frauenbewegung: 1890-1980“ Katalog Hist. Museum Frankfurt a. M. – Basel:Stroemfeld; Frankfurt a. M.: Roter Stern, 1981.

Kleine Presse
13.4.1897, 16.4.1897, 18,4.1897, 22.4.1897, 27.4.1897, 2.5.1897, 8.5.1897, 9.5.1897, 11.5.1897, 13.5.1897, 16.5.1897, 19.5.1897, 21.5.1897, 22.5.1897, 27.5.1897, 5.6.1897, 6.6.1897.

Neu-Isenburger Anzeigeblatt
24.6.1896, 5.9.1896, 19.9.1896, 14.4.1897, 17.4.1897, 28.4.1897, 1.5.1897, 12.5.1897, 26.5.1897, 29.5.1897, 5.6.1897. August Koch, Neu-Isenburg.

Die Rechtslage der Hugenotten
von Michelle Magdaleine

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Eine der Originalitäten des französischen Protestantismus steckt in ihren Ursprüngen. Im Gegensatz zu vielen Ländern ist er nicht von einem König aufgedrängt worden, einem Prinz oder einem Magistrat, aber er hat sich entsprechend den Predigten entwickelt, die hier und dort von Priestern und von Mönchen gehalten wurden, die sich dem zuwandten was man die „evangelische Bewegung“genannt hat. Einerseits „Evangelisten“, die die Rückkehr zum Evangelium anpreisen, aber, die, in der Mehrzahl, die römische Kirche nicht verlassen werden, wie Érasme von Rotterdam, der Bischof von Meaux Guillaume Briçonnet, Jacques Lefèvre von Étaples, der das neue Testament auf französisch in 1523 übersetzt. Das mißfällt sehr in der Sorbonne (die theologische Fakultät der Universität von Paris), die bereits als häretisch die Werke von Luther verurteilt hatte.

Ein Prozeß wird gegen Briçonnet angestrengt, und gegen die, die ihn umgeben. Sie müssen sich zerstreuen und das Parlament (dieses Wort bedeutet in dieser Zeit in Frankreich « Gerichtshof » und das Parlament in Paris ist der Staatsgerichtshof) läßt alle Übersetzungen der Heiligen Schrift auf französisch untersagen. Andererseits gibt es die „schismatischen Evangelisten“, von denen Martin Luther der wichtigste ist. Seine von 1524 an auf französisch übersetzten Schriftstücke verkehren heimlich, aber der Einfluß von anderen Reformatoren, Martin Bucer und Huldrich Zwingli wird auch sehr stark.

Diese „Häretiker“ gehören besonders zur sozialen Elite: Geistliche, Schulmeister, Studenten, Juristen, Drucker und Arbeiter des Buches, Handwerker des Textils und des Leders, Händler. Breitere Schichten sind dank der mündlichen Übertragung durch Prediger und Schulmeister gewonnen worden. Somit wurden in den Jahren 1530 hat die Dissidenten besonders in den Städten rekrutiert, daher eine Mehrheit von Handwerkern in ihren Reihen. Die Familieneinflüsse und die von Lehnsherren auf Bauern, usw.… haben auch eine Rolle gespielt. Das erklärt, daß die Reform sich in Frankreich sehr unregelmäßig verbreitet hat, und daß in den meisten Familien, katholisch gebliebene und andere protestantisch gewordene Familienmitglieder gleichzeitig vorhanden sind, oft die Frauen im übrigen; in der Tat wenigstens zu Beginn der calvinistische Reformation haben sie dort einen neuen Freiheitsraum gefunden.

Die kirchlichen Behörden, die Sorbonne und das Parlament bekämpfen von Anfang an die „Ketzer“, während König Francois Ier zunächst den Evangelisten der Umgebung von Lefèvre von Étaples geneigt ist. Leider ist es in 1534 eine Folge der « Placards » – kleine Plakate, die überall bis in den königlichen Appartements in Blois angeschlagen sind und scharf die Messe angreifen – dass seine Einstellung sich ändert, denn Ketzer erscheinen als Gotteslästerer und Störenfriede der öffentlichen Ordnung.

Diese Häretiker reagieren in verschiedener Art und Weise auf die Verfolgung. Einige haben ihre Heimat verlassen insbesondere nach Straßburg; andere riskieren den Tod, indem sie predigen, indem sie verbotene Bücher besitzen, oder indem sie die „papistischen“ Praktiken ablehnen, andere haben noch eine doppelte Praxis, die heimlichen Sitzungen, aber auch die katholischen Praktiken wie die Taufe, ohne die es keine legale Existenz gibt, die Ehe, die Bestattungen, die Beichte und einmal pro Jahr das Abendmahl.
Aber der Einfluß von Calvin setzt dieser doppelten religiösen Praxis ein Ende in den Jahren 1540-1550. Ab 1555 „entstehen“ nach dem Modell von Genf die ersten reformierten Kirchen und, in 1559, geben sich diese Kirchen ein Glaubenbekenntnis und eine Kirchenordnung.

Trotz der harten Repression, hat die „neue Religion“ zwischen den Jahren 1555 und 1562 einen großen Erfolg und man rechnet etwa 2.000 reformierte Kirchen in 1562, für 1,5 bis 2 Millionen Reformierte (ungefähr 11% der Bevölkerung).
Neben den Bevölkerungsschichten, die zu den ersten Evangelisten schon gehörten, treten Adelsfamilien, wie die Bourbon, Vetter des Königs, die Châtillon, die Rohan, Magistratsbeamte, Rechtsanwälte, Notare, der Reformation bei. Dank dieser Entwicklung verlassen die Reformierten die Heimlichkeit und politisieren sich; sie hoffen auf eine gesetzliche Anerkennung und vielleicht sogar die Eroberung des Staats. Das scheitert, aber die Königin Catherine de Médicis, (Regentin geworden nach dem Tod von ihrem Sohn François II), versucht, Katholiken und Protestanten zu versöhnen.

Sie organisiert in 1561, mit dem Kanzler Michel de l‘ Hospital das Gespräch von Poissy, aber vergeblich. Im Januar 1562 unterschreibt sie ein Edikt, das, zum erstenmal, die neue Religion anerkennt. Wütende Katholiken greifen die in Wassy versammelten Reformierten an und massakrieren sie 1562. Der Prinz von Condé greift zu den Waffen im April. Das ist der Anfang der Religionskriege, die das Königreich während mehr als dreißig Jahren mit Blut beflecktet haben. Jedoch sogar während der härtesten brudermörderischen Kämpfe, versuchten Catherine de Médicis und ihre Söhne, die Könige François II., Charles IX., Heinri III., den Frieden wieder herzustellen, Befriedungsedikte verkündend oder sich mit den politischen Versammlungen der Hugenoten befassend: das Edikt von Amboise 1563, den Frieden von Saint-Germain 1570, und trotz des Massakers der Bartholomäusnacht in 1572 und der Wiederaufnahme der Kriege, den Vertrag von Beaulieu 1576. Aber alle diese Versuche bleiben ohne Erfolg. Man muß auf die Thronbesteigung von Henri IV warten, damit der Zivilfrieden schliesslich wieder hergestellt wird.

Henri de Navarre, der nach der Ordnung männlicher Erstgeburt, die das Gesetz ist, das die Erbfolge für den Thron von Frankreich reguliert, auf Henri III gefolgt ist, der 1589 ermordet wurde. Da er ein Vetter des verstorbenen Königs ist, ist er auch protestantisch, was die katholische Geistlichkeit, ein grosser Teil der Landesherren ablehnen und auch ein grosser Teil von der Bevölkerung ablehnen. Er muß also sein Königreich erobern aber auch eine Lösung finden, um den Zivilfrieden wieder herzustellen.

Seine erste Handlung in diesem Sinne ist seine Abschwörung 1593 und seine Krönung in Chartres 1594. Er zieht triumphierend in Paris einige Tage später ein. Andererseits schlägt er die spanische Armee, die in einen Teil von Frankreich eingedrungen war und schreibt Philippe II den Frieden von Vervins am 2. Mai 1598 vor: die spanischen Truppen müssen das Königreich verlassen.
Zur gleichen Zeit wie den Aussenfrieden will Henri IV den Binnenfrieden wieder herstellen. Dafür muss er den reformierten Gemeinden schnell einen Status geben. Aus diesem Grund drängt er seinen durch die Religion geteilten Untertanen einen politischen Kompromiss auf: das Edikt von Nantes.

Wie die früheren Friedensstiftungsedikte, etabliert das Edikt von Nantes die katholische Religion als die offizielle Religion des Königreichs und richtet Freiheitsräume für den Protestantismus ein. Außer der Gewissensfreiheit, gewährt es in der Tat den Reformierten Religionsfreiheit, aber begrenzt auf bestimmte Orte: bei gewissen wichtigen Standesherren, in den Städten, wo der reformierte Gottesdienst noch gefeiert wurde, in den Vororten von einigen Städten (mit Sonderbedingungen, die Paris und seinen Vorort und die Güter einiger Standesherren betreffen).

Auch wird den Reformierten die Gleichheit garantiert bei Zugang zu den öffentlichen Diensten und Ämtern und die Gleichheit vor der Justiz bei der Institution spezieller Gerichtskammern, die zur Hälfte aus protestantischen und katholische Magistraten zusammengesetzt sind, die mehreren Parlamenten beigefügt wurden. Schließlich werden etwa hundert Festungen, die noch in den Händen der Reformierten sind, ihnen für eine Periode von acht Jahren als „Sicherheitsfestungen“ gelassen, für die Zeit bis der Frieden sich als dauerhaft erweist.

Ebenso haben sie das Recht, alle Berufe auszuüben, und können in den Gymnasien, den Universitäten, und den Krankenhäusern der Katholiken aufgenommen werden. Aber sie können auch Grundschulen gründen, Gymnasien und Akademien (es ist die Bezeichnung, die den protestantischen Universitäten von Saumur, Nîmes, Die und Sedan gegeben wurde) Sie können auch Kolloquien und provinzielle und nationale Synoden abhalten, wo kollegial die Entscheidungen über die Gemeinden getroffen werden, denn im französischen Protestantismus, hat keine Gemeinde ein Vorrecht über die anderen, es gibt keine Hierarchie.
Jedoch müssen sie die katholischen religiösen Feste respektieren, den Zehnten zahlen (Steuer für die katholischen Priester), sich der katholischen Gesetzgebung im Ehebereich anpassen.

Damit ein Edikt rechtsgültig ist, muß er in Frankreich von den Parlamenten registriert werden, die darauf achten, daß es nicht gegen schon bestehende Gesetze verstößt. Von den Parlamenten hat das von Paris sich bis 1599 widersetzt, denn es fand das Edikt zu günstig für die Protestanten. Aber sobald das Edikt registriert ist wird es unter der Kontrolle gemischter Kommissionen angewendet (jeweils ein katholischer und ein reformierter Kommissar), die in die Provinzen entsandt wurden.

Mit dem Edikt von Nantes ist die reformierte Minderheit rechtlich anerkannt, aber auch geographisch eingeschränkt, festgelegt auf den Status der Minderheit und sogar sehr reduzierter Minderheit. In der Tat, erlebt man im letzten Viertel des XVIè Jahrhundert einen massiven Rückgang der reformierten Gemeinden. Die Kriege, die Verfolgungen, die Rückkehr des Königs zur Religion seiner Vorfahren, all das hat eine Rolle gespielt, aber noch mehr das Scheitern bei der Eroberung der Macht, das bedeutet den Mißerfolg der Reformation in Frankreich. Dennoch konnte diese reformierte Minderheit ihre Identität verstärken.

Die R.P.R.(die sogennante reformierte Religion) profitiert von bestimmten Privilegien wie dem Recht auf Sicherheitsfestungen und politische Versammlungen, die unter anderem das Anrecht auf zwei Abgeordnete der Kirchen haben, die beauftragt wurden, dem König Bittschriften und Beschwerden vorzustellen. Nach dem Mord von Henri IV sind die Reformierten beunruhigt und einige bereiten sich sogar auf die Konfrontierung mit der königlichen Macht vor. Und das geschieht tatsächlich im Südwesten des Königreichs unter dem Kommando von Rohan und später von Soubise. Der Koenig und sein Minister Richelieu beschliessen daraufhin , mit diesem „Staat im Staat“, den die Protestanten bilden, ein Ende zu machen. Ab 1623 müssen die Synoden in Anwesenheit eines Kommissars des Königs abgehalten werden ; in 1626 werden die politischen Versammlungen abgeschafft. Schließlich wird nach den Belagerungen von La Rochelle und von Privas den Reformierten der Gnadenfrieden « la paix de grâce » von Alès aufgezwungen. Obwohl das Edikt von Nantes bestätigt wird, sind die Reformierten besiegt und entwaffnet.

Nach der Entwaffnung der Reformierten, wollen der König und sein Minister Richelieu sie mit der katholischen Kirche vereinigen, weil sie die religiöse Einheit als Zement der politischen Einheit ansehen. Der Kardinal führt dann zwei parallele Politiken: einerseits ermutigt er die Projekte einer Wiedervereinigung der Kirchen, andererseits ergreift er punktuelle Maßnahmen gegen die Rechte und Freiheiten der Protestanten was die Parlamente bereits begonnen hatten, indem sie Gottesdienste und Schulen unter dem Vorwand von Verstößen gegen das Edikt von Nantes abgeschafft hatten. Der Kardinal läßt sich jedoch nicht von den Versammlungen des katholischen Klerus überzeugen, die den König zu einer strikten Anwendung des Ediktes drängen wollen. Er hält stand, verfolgt den Kampf gegen Habsburg, in dem die Reformierte eine Stütze sind. Mazarin sein Nachfolger ab 1643, der auch durch den Krieg gegen den Kaiser und Spanien und die Allianz mit England beschäftigt wurde, lässt die Hugenoten in Ruhe. In 1652 bestätigt Louis XIV sogar feierlich das Edikt von Nantes und er lobt die Reformierten für ihre „Zuneigung und Treue“ während der « Fronde » (Kampf der Parlamente und der Prinzen gegen die königliche Macht ).
Aber diese Ruheperiode ist von kurzer Dauer, der Pyrenäenfrieden der mit Spanien erlaubt, konkretere Maßnahmen gegen die R.P.R. zu ergreifen, selbst wenn ein letztes Mal in 1659 das Abhalten einer nationalen Synode in Loudun erlaubt ist.
Der König, immer vom katholischen Klerus angetrieben unternimmt ab 1661 eine Politik von Einschränkungen bezüglich des Ediktes, was man « l’application de l’édit à la rigueur » (Strenge Anwendung des Ediktes) nennt, um die Häresie zu unterdrücken. Er wendet im Wechsel gleichzeitig friedliche rechtliche oder gewaltsame Massnahmen an.

Die friedlichen Massnahmen sind jene der Glaubensveränderung, die in den Jahren 1670-1680 neue Impulse insbesondere dank den Jansenisten und Bossuet, Bischof von Meaux, erhalten haben,. Aber daneben spielen die Versammlungen des Klerus und die Parlamente bei der Politik der Einschränkung bezüglich der Rechte der Reformierten durch das Recht weiterhin eine wirksame Rolle.
Nach und nach wird eine anti protestantische Gesetzgebung eingeführt, die das Edikt von Henri IV wirkungslos gemacht hat : eine ununterbrochene Folge von Verordnungen des Rates des Königs und königlicher Bekanntmachungen ungefähr 75 von 1661 bis 1668 und noch etwa hundert von 1679 bis 1685.
Alle Errungenschaften des Ediktes von Nantes werden wieder in Frage gestellt: die Religionsausübung der R.P.R., der Zugang zu den Ämtern und zu den unterschiedlichen Berufen, die Gewissensfreiheit selbst.

Was die Abschaffung des Rechtes auf Ausübung des Gottesdienstes betrifft war die Wirksamkeit der Ausschüsse und des Rates des Königs nicht zweifelhaft: auf den etwa 700 Gemeinden, die in 1660 bestehen, werden mehr als 250 in fünf Jahren offiziell abgeschafft. Die Gymnasien und Grundschulen werden verboten, auch die Akademien. Die Reformierten werden auch nach und nach von den städtischen und gerichtlichen Funktionen ausgeschlossen. Aus allen Ämtern vertriebene Juristen werden Rechtsanwälte, aber auch dieser Beruf wird ihnen verboten (Juli 1685). Ebenso werden den Mitgliedern der R.P.R zum Beispiel die Gesundheitsberufe (Juni 1685) und jene des Buchdruckerei (Juli 1685) verschlossen.
Die Gewissensfreiheit gibt es nicht mehr. Konversionen zur R.P.R. sind verboten. Kinder können der Autorität der Eltern entzogen und bei einem katholischen Verwandten oder in einem Kloster untergebracht werden.

Die Hugenotten appellieren an die Gerichte, gelegentlich mit Erfolg. Aber kein legaler oder illegaler Widerstand kann das Vereinigungsprojekt des Königs aufhalten. Die zwangsweise Einquartierung von Dragonen bei den Reformierten verbreitet Schrecken und führt zu Abschwörungen. Die Delegierten des Königs senden triumphierende Nachrichten an den Hof. Schliesslich widerruft der König das unwirksam gewordene Edikt von Nantes. Er unterschreibt im Oktober 1685 das Edikt von Fontainebleau, welches offiziell das Ende der R.P.R. bedeutet.

Frankfurter – eine Isenburger Spezialität
von Bettina Stuckard und Dr. Alice Selinger

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(Text zur Ausstellung in der Sparkasse Langen-Seligenstadt vom 08.09. bis 15.09.2003)

Die Anfänge einer Erfolgsstory

Bereits die Indogermanen füllten vor etwa 5000 Jahren Tierdärme mit kleingehacktem Fleisch, Blut und Fett. Bei Gastmählern im antiken Griechenland gab es kleine, auf dem Rost gebratene Würste als Vorspeise und mit Würsten gefüllte, im Ganzen gebratene Schweine als Hauptgang.
Im antiken Rom kannte man bereits Schweins-, Blut-, Brat- und Hirnwürste.
Sehr vielfältig waren die Zubereitungsarten von Würsten im Mittelalter. Sie wurden warm oder kalt, gesotten, gebraten oder geräuchert verzehrt. Zum ersten Mal erwähnt werden die Frankfurter Würstchen im Jahr 1487. Doch hatten sie im 15. Jahrhundert noch ein anderes Innenleben: sie waren mit einer groben, mettähnlichen Füllung ausgestopft. »Erfunden« wurden die Frankfurter Würstchen wahrscheinlich in dem Viertel der Frankfurter Metzger, der »Schirn«.

Die Frankfurter Schirn

Das alte Frankfurter Metzgerviertel, das »Worschtquartier«, befand sich zwischen Dom und Römerberg. Heute steht dort die Kunsthalle Schirn. Sie trägt ihren Namen nach den Ständen der Metzger, die im Volksmund »Schirn« genannt wurden. »Scharren«, »Schirn« oder »Schern« bezeichnet mundartlich
(mainfränkisch) das Gleiche wie oberdeutsch »Schrannen« und »Schragen«, nämlich die einfachste Form einer Fleischbank, einen offenen budenartigen Verkaufsstand. Solche Stände wurden in Toreingängen, Höfen und auf
Marktplätzen aufgestellt. Im Jahr 1268 wurde die Frankfurter Schirn zum ersten Mal erwähnt. Nur dort durften die Frankfurter Metzger ihr Gewerbe ausüben, nur dort ihren Hackklotz aufstellen und Fleisch und Wurstwaren an einem Haken unter einem Vordach aufhängen.

Warum Frankfurter in Frankfurt nicht Frankfurter hießen

Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die »Frankfurter Würstchen« in Frankfurt als »derr Bradworschd« bezeichnet. Das könnte sowohl »dünne Bratwurst« als auch gedörrt im Sinne von geräuchert bedeuten. Noch um die
Wende zum 19. Jahrhundert war der Begriff »Frankfurter Würstchen« in Frankfurt selbst nicht üblich, in Frankfurter Gasthäusern bestellten Frankfurter schlicht »Werschtscher«. Der Name »Frankfurter Bratwurst« oder »Frankfurter Würstchen« wurde von Reisenden und Auswärtigen geprägt und setzte sich nur
langsam durch. Die Meinungen darüber, ob und bis wann die Würstchen auch tatsächlich gebraten wurden, gehen auseinander.

Ein Pfarrer kämpft gegen die Wurst

Im 16. Jahrhundert wütete der fanatische Pfarrer Dr. Peter Meyer in Frankfurt gegen laxe Sitten. Er denunzierte den Pfarrer von Steinheim, Otto Brunfels, als Lutheraner. Brunfels mußte fliehen. Daraufhin sandte der Humanist Ulrich von Hutten einen Fehdebrief an Meyer. Vom Frankfurter Rat verlangte er, den Pfarrer aus der Stadt zu weisen. Der Rat stellte sich jedoch schützend vor den Angegriffenen, was er bald bereute: von der Kanzel des Doms herab bezichtigte der Pfarrer 1523 die Stadt Frankfurt der Ketzerei und warf den Bewohnern vor, auch an Fastentagen Fleisch und Bratwürste zu essen. Der Rat der Stadt teilte dem Domkapitel mit, solche Äußerungen könnten zu Aufruhr führen. Die Frankfurter wollten auch in der Fastenzeit nicht auf ihre Würste verzichten. Während eines Aufstandes 1525 verjagten sie den eifernden Pfarrer und plünderten die Vorratskammern der Geistlichen.

Von Kaisern und Krönungswürsten

Bei der Krönung von Kaiser Maximilian II. 1592 wurde auf dem Römerberg ein gebratener Ochse angeschnitten, der unter anderem mit Würsten gefüllt war. Lange Zeit nannten die Frankfurter ihre Würste deshalb stolz »Krönungswürste«.

Hartnäckig hält sich die Anekdote, daß Napoleon Einfluß auf die Geschichte der
»Frankfurter Würstchen« genommen habe. Als er seine Armee vor dem Rußland-Feldzug mit Bratwürsten versorgen wollte, hatte er Bedenken wegen der Haltbarkeit. Angeblich soll aus diesem Grund die Frankfurter Metzger-Zunft das Räuchern und das Abfüllen ihrer Würstchen in besondere Därme entwickelt haben.

Das erste Rezept für »Frankfurter Bratwürste«

Aus dem Jahr 1792 ist das erste Rezept für Frankfurter Bratwürste überliefert. In dem Band »Aufrichtige und bewerete Nachrichten von allem ersinnlichen Koch- und Backwerk« heißt es: „Nehme das Fleisch von den vorderen Schenkeln des Schweines oder sonst das zarteste Fleisch und koche es mit beliebigem Speck klein, thue es in eine tiefe Schüssel, würze es mit Muskatennuß, Mukatenblüth,
Salz, Pfeffer, Thymian und Majoran, auch wann’s beliebt mit Koriander“

Die »Frankfurter Würstchen« in der Literatur

1820
Karl Cäsar von Leonhard, Diplomat und Naturforscher, berichtet, das luxuriöse
Hotel »Zähringer Hof« in Baden-Baden biete seinen erlesenen Gästen »Frankfurter Soucisses« als Delikatesse an.

1828
Der weitgereiste und welterfahrene Schriftsteller, Hofrat und Privatgelehrte
C.J. Weber lobt in seinem Buch »Deutschland oder Briefe eines in Deutschland reisenden Deutschen« die Frankfurter Küche und ganz besonders die Frankfurter Würstchen.

1835
Eduard Beuermann aus Hamburg behauptet in seinem Buch »Frankfurter Bilder«: »Die Frankfurter Bratwürste haben sich das Weltbürgerrecht erworben“. Beuermann macht den Vorschlag, ein Denkmal Goethes in Frankfurt auf einen Sockel mit geräucherten Bratwürsten zu stellen.

1863
Der Freiherr von Reinsberg-Düringsfeld berichtet im 1. Band seiner »Internationalen Titulaturen«: »Die Frankfurter Würstchen sind in ganz Deutschland beliebt«.

1890
Das »Universallexikon der Kochkunst« zählt Frankfurt zu den Städten, aus denen die berühmtesten Würste Deutschlands kommen.

Konkurrenz aus Österreich

Unter dem Namen »Wiener Frankfurter Würstl« kamen in Wien 1805 erstmals Konkurrenzprodukte auf den Markt. Der 1772 geborene Johann Georg Lahner hatte in Frankfurt das Metzgerhandwerk erlernt – und ging dann, wie viele Wandwerksburschen, auf Wanderschaft. 1798 kam er in die österreichische Kaiserstadt Wien. Lahner arbeitete zunächst als Knecht bei einem Fleischhauer und gründete 1804 eine Selcherei. Ein Jahr später produzierte er zum ersten Mal »Frankfurter«, die vorher in Wien unbekannt waren. Sie traten in Wien einen unvergleichlichen Siegeszug an.

Der Schriftsteller Adalbert Stifter beauftragte 1858 einen Freund, ihm so viele
»Frankfurter Wienerwürste« zu besorgen, wie er nur bekommen könne.

Der Champagner unter den Würsten…

Die »Wiener Frankfurter« waren ebenso wie die Originale in höchsten Kreisen beliebt. Vor allem zum Frühstück wurden sie von der feinen Wiener Gesellschaft geschätzt und mit Senf oder Kren (Meerrettich) verzehrt. Kaiser Franz Josef ließ sie sich mit Bier zum Frühstück servieren. An den Tables d’hôte führender Hotels galten Frankfurter als Delikatesse. In kleine Stückchen geschnitten, wurden sie zur Tafelmusik gereicht. An den Tafeln der deutschen Fürsten wurden sie als Beilage zu Rebhühnern mit Sauerkraut serviert. Auf der Pariser Weltausstellung 1855 wurde ein großes Wurstzelt errichtet, in dem es nur »Frankfurter Wienerwürstl« gab. Als sich Fürst Bismarck 1884 in Frankfurt aufhielt, verlangte er, daß auf
seinem Frühstückstisch immer eine Schüssel Frankfurter Würste bereitstehe.

Von Tigerschweinen und Schwarzwaldweiden

Der Fleischermeister und Fachautor Herrmann Koch erwähnt um 1900 in einem Buch zur Herstellung von Fleisch- und Wurstwaren die Frankfurter Würstchen, die er zu den Brühwürsten zählt. Er behauptet, ihre hohe Qualität beruhe auf dem hochwertigen und teuren Fleisch der im Schwarzwald heimischen Tigerschweine, das die Frankfurter Fleischer verwendeten. Tigerschweine kennt im Schwarzwald heute leider niemand mehr.

Rezept für »Frankfurter Würstchen«

aus dem »Universallexikon der Kochkunst«, Mitte 19. Jahrhundert:
»Ein halbes Kilogramm mageres Schweinefleisch von der Schulter wird mit
90 Gramm rohem Speck sehr fein gehackt, mit etwas gestoßenem schwarzen Pfeffer und gestoßenem Koriander, einer Prise geriebener Muskatnuß und dem nötigen Salz, sowie einer Prise Salpeter sehr gut vermischt, mit ein wenig Rotwein angefeuchtet und in sehr sorgfältig gesäuberte Därme gefüllt, worauf man sie
entweder in Butter brät oder in Wasser kocht, meistens aber erst einige Tage in den Rauch hängt, bevor man sie brät oder kocht. Häufig wird noch etwas in Milch geweichtes und ausgedrücktes Weißbrot mit unter das Fleisch gemischt, was indessen bei den feinen, zur Versendung bereiteten Würstchen nicht sein darf«

Rezept für Wurstkuchen

aus dem »Frankfurter Kochbuch« der Köchin Wilhelmine Rührig von1860
»Von einem Pfund Mehl, einem Viertelpfund Butter, einem Glas Wasser, etwas Salz – macht man einen Teig, den man tüchtig verarbeitet und länglich ausrollt, legt dann eine große frische Bratwurst hinein, rollt den Teig fest
darum und bildet einen Kranz davon, bestreicht diesen mit einem Ei und bäckt ihn auf einem mit Mehl bestäubten Blech dreiviertel Stunden in einem ziemlich heißen Ofen.«

Rezept für Frankfurter Knoblauchwürstchen

aus dem »Frankfurter Kochbuch« der Köchin Wilhelmine Rührig von1860
»2 Teile vom zartesten Schweinefleisch und 1 Teil Kalbfleisch aus der Keule wird zusammen gehackt, nicht zu fein, mit Pfeffer, Salz und etwas Knoblauch gewürzt. Dann gießt man einen Löffel voll fette Bouillon darüber, mischt die Masse gut, füllt sie in runde Schweins- oder Rinddärme und bindet handlange Würste davon. Man hängt diese luftig auf, und wenn man Gebrauch davon machen will, läßt man sie in kochendem Wasser 5 Minuten sieden und ißt sie warm zum Frühstück. Sie schmecken sowohl frisch als geräuchert. Um den Würsten einen Knoblauchgeschmack zu geben, zerschneidet man einige geschälte Zehen
Knoblauch, bedeckt sie in einem Glase mit gutem Branntwein oder Arrak, lässt sie mehrere Stunden anziehen und würzt damit nach Belieben stark oder schwach.«

Als die Frankfurter Frankfurter wurden

Um 1895 herum sahen die »Frankfurter Würstchen« zum ersten mal so aus, wie wir
sie heute noch kennen. Die Würstchen wurden nur noch paarweise verkauft. Als Hülle dienten nun die zarten Saitlinge der Kalmückenschafe aus Turkestan und dem Iran – das ist bis heute so geblieben.

Wie ein Würstchen immer schlanker wurde

Ursprünglich kamen einmal fünf große, dicke Würste auf ein Pfund Brät. Dann wurden auf Betreiben der Delikatess-Läden die Achter-Größen eingeführt, und heute werden mit derselben Menge Brät zehn schlanke, dünne Würste hergestellt.

Ein Würstchen macht Karriere

Ihren endgültigen Siegeszug um die Welt traten die »Frankfurter« an, als das Problem der Konservierung gelöst wurde. Vorher waren sie immer nur in Monaten mit R, also im Winter, erhältlich gewesen, da sie bei sommerlichen Temperaturen verdorben wären. Nach vielen Experimenten gelang es, die Würstchen mit Salzwasser haltbar zu machen. Die ersten Konservendosen wurden noch einzeln von Hand zugelötet, eine aufwendige und teure Methode. Auf einer Ausstellung in Düsseldorf wurden 1887 die ersten Frankfurter-Konserven angeboten.

Ruhm und Ehre: Würstchen hoch dekoriert

Die »Frankfurter Würstchen« wurden im 19. Jahrhundert auf Ausstellungen im
In- und Ausland mit Preisen und Medaillen ausgezeichnet:

1883 Weltausstellung in Chicago
»höchste Auszeichnung«

1894 Ausstellung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft in Berlin
»Erster Preis«

1895 San Francisco
»Höchste Auszeichnung«

1895 Ausstellung für Kochkunst, Konditorei, Bäckerei und verwandte Branchen,
Frankfurt
»Höchste Auszeichnung«

1900 Weltausstellung Paris
»Mit großem Erfolg«

1900 1. Internationale Kochkunstausstellung, Frankfurt
»Mit großem Erfolg«

Frankfurter in Übersee

Nach der Weltausstellung in Chicago 1893 eroberten die Frankfurter Würstchen Amerika. Bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs waren bereits Hunderttausende von Dosen über den Atlantik geflogen worden. Doch nicht nur in den USA war die Frankfurter Spezialität heiß begehrt, auch in Asien, Australien und Afrika wollte man die Würstchen. Sogar durch Wüsten wurden die Würste transportiert. Es gab Versuche, die Frankfurter in eckigen Dosen zu verpacken, damit sie von Kamelen besser getragen werden konnten. Diese Idee setzte sich jedoch nicht durch.

Es geht um die Wurst

Nach dem Ersten Weltkrieg lief das Geschäft mit den Würstchen wieder auf vollen Touren. Der enorme Erfolg der »Frankfurter« rief jede Menge Nachahmer auf den Plan. Sogar Roßschlächter brachten »Frankfurter Würstchen« unters Volk. Als »Hot dogs«, »Francforter« und »Wiener« wurden verschiedenste Wurst-Kopien auf den Markt geworfen. Nur in den USA durften ausschließlich solche Würste »Frankfurter« heißen, die im Raum Frankfurt produziert worden waren. Schließlich schlossen sich die Metzger aus Frankfurt und Umgebung zum »Verband der Hersteller Frankfurter Würstchen« zusammen und zogen vor Gericht. Die Würstchen wurden zur Amtssache.

Ein Gedicht, das 1927 in den »Frankfurter Nachrichten« veröffentlicht wurde, erinnert daran:
»Macht sonst nur Worscht, soviel ihr kennt / Des geht uns gar nix aa, / Was echte Frankfurter mehr nennt, /
Die mache mir allaa!«

Frankfurter Würstchen – gesetzlich geschützt

1929 stellte der 10. Zivilsenat des Kammergerichts in Berlin offiziell fest, der Name »Frankfurter Würstchen« sei eine Herkunftsbezeichnung. Nur Fabrikanten im Wirtschaftsgebiet Frankfurt am Main hatten fortan das Recht, ihre Würste »Frankfurter« zu nennen. Und das natürlich nur, wenn sie die
strengen Vorschriften zum Inhalt der Würste einhielten. Vom Bundesgerichtshof wurde dieses Urteil 1955 als rechtskräftig bestätigt.

»Frankfurter« in Neu Isenburg

Bis zum Ersten Weltkrieg wurden außer in Frankfurt auch in Neu Isenburg, in Langen, Sprendlingen und Groß Zimmern »Frankfurter Würstchen« hergestellt. Bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts gab es fünfzehn Fabriken, die sie produzierten. Bereits 1860 gründete Georg Adam Müller die erste Würstchenfabrik in Neu-Isenburg. Zunächst arbeitete er mit einer Frankfurter Tarn-Adresse, weil seine auswärtigen Kunden nur die Original-Würste aus Frankfurt haben wollten. 1877
gründete Wilhelm Luft seine Wurstfabrik, und 1903 begann auch Hans Wirth mit seiner Würstchenproduktion in Neu-Isenburg. Wirth berichtet in seinen Lebenserinnerungen, er habe als Verschlußmaschine einen Lötkolben benutzt. Oft hätte er bis Mitternacht dagesessen und eigenhändig mit dem Lötkolben Würstchendosen verschlossen.

Wie die Frankfurter heute gemacht werden

Im Gegensatz zu vielen anderen Produkten weiß man, was in Frankfurter Würstchen drin ist. Nur bestes Schweinefleisch von gut ausgereiften Mastschweinen, insbesondere Schinkenfleisch, darf verwendet werden.
Das entsehnte und vom Fett befreite Fleisch wird in speziellen Feinkuttern mit Bauchspeck zusammen zerkleinert und nach altem Rezept mit Muskat und Pfeffer fein gewürzt. Es gibt keine chemischen Zusätze. Die Wurstmasse wird in zarte Natursaitlinge (Schafdärme) gefüllt und zu 50 Gramm paarweise abgedreht. Nach einer aufwendigen Spezialmethode werden die Würste dann pikant geräuchert. Dadurch erhalten sie ihren typischen Aalrauchgeschmack. Die Frankfurter gibt es entweder vacuumverpackt in Folie oder als Konserve in der Dose – aber immer nur als Paar.

Im »Frankfurter Rauch«

Entscheidend für den charakteristischen Geschmack der »Frankfurter« ist neben
den hochwertigen Zutaten die Methode des Räucherns. Die mit Brät gefüllten Saitlinge werden auf Dreikantspieße gesetzt und im sogenannten »Frankfurter Rauch«, mit Buchenholz etwa 60 Minuten lang, bei Temperaturen zwischen 35 und
45 Grad, geräuchert. Gegen Ende des Räucherprozesses wird die typische
goldgelbe Farbe noch durch wenige Minuten im Naßraum intensiviert: zwei
Schichten Buchenholzspäne – eine trockene, darüber eine mit heißem Wasser
angefeuchtete – werden über die Holzglut gedeckt. Das Material soll glimmen,
aber nicht entflammen.

Fett 23,6 Prozent
Eiweiß 12,7 Prozent
Kohlehydrate 1,0 Prozent
Energie pro 100 g 267 kcal / 1118 kj

Zubereitung der original Frankfurter

Die »Frankfurter« werden nicht gekocht – sie sollen nur im offenen Topf in etwa 80 Grad heißem Wasser garen, zwischen acht und zwölf Minuten Garzeit wird empfohlen. Die Würstchen sollen prall werden. Serviert werden sie meistens mit Senf, Ketchup oder Meerettich, mit
Kartoffelsalat, im Blätterteig, auf Sauerkraut, als Hot Dog auf einem Brötchen oder in einer Suppe.

Rezept: Würstchen in Krauttorte

Teig: 300 g Weizenmehl, 175 g Butter, 1 Ei, 6 EL Wasser, Salz
Belag: 500 g Weinsauerkraut, gegart und 5 Paar Frankfurter, 4 Eigelb, 1/4 l Sahne
Ei mit Wasser und Salz verquirlen und mit Mehl und Butter zu einem Teig kneten; Teig dünn ausrollen und Boden und Rand einer Springform damit belegen; Sauerkraut gut abtropfen lassen. Würstchen in drei Stücke schneiden und unter das Sauerkraut mischen. Alles auf den Teig legen. Sahne mit Eigelb verrühren und über das Kraut gießen. Torte im vorgeheizten Backofen bei 180 Grad gut eine Stunde backen

Weihnachten in Neu-Isenburg 1948
von Bettina Stuckard

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Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hungern die Menschen in Neu-Isenburg – wie überall in Deutschland. Eine besondere Weihnachtsfreude wird den Neu-Isenburgern 1948 gewährt: in einer „Sonderzuteilung anlässlich des Weihnachtsfestes“ werden 125 g Backwaren und 400 g Trockenfrüchte ausgegeben. Kleine Kinder werden von der amerikanischen Militärregierung zur Weihnachtsbescherung eingeladen: Es gibt Milchsuppe und ein kleines Geschenk. Mit solchen Aktionen gewinnt die Militärregierung die Neu-Isenburger für sich; aus Besatzern werden Helfer in der Not. Weihnachten 1948 steht ganz im Zeichen von Amerika, denn auch die Hilfslieferung aus Alexandria kann am 21.12.1948 an die Bevölkerung verteilt werden.

Alexandria und der Worthington-Plan

Der Neu-Isenburger Bürgermeister Adolf Bauer wendet sich aufgrund der Not in seiner Stadt 1947 an die CRALOG (Council of Relief Agencies Licensed for Operation in Germany). Dieser Dachverband der größten Wohlfahrtsverbände koordiniert die Verschickung von „Liebesgaben“ – Kleidungsstücke, Medikamente, Lebensmittel.
Das amerikanische Worthington will darüber hinaus einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten und eine Patenschaft für eine deutsche Stadt übernehmen. Zwar wird Neu-Isenburg nicht von Worthington ausgewählt, aber das Projekt findet Nachahmer und so wird Alexandria Patenstadt für Neu-Isenburg.
In Alexandria, einer kleinen Stadt mit 7.000 Einwohnern und damit nur halb so groß wie Neu-Isenburg werden innerhalb kürzester Zeit 2,5 Tonnen gut erhaltene Kleidung gesammelt. Zollbestimmungen verzögern die Weiterleitung der Lieferung. In Neu-Isenburg bildet sich ein Komitee, das die Verteilung der Kleidung durchführen soll. Um ungeduldigem Warten, aber auch, um Plünderungen vorzubeugen, wird die Öffentlichkeit nicht über die zu erwartende Hilfe informiert. Am 21.12.1948 wird das Eintreffen der Hilfslieferung aus Alexandria im frisch eingeweihten Saal der Turnhalle gefeiert, wo die Spenden verteilt werden.

Streik der Wäscherinnen
von Heidi Vogel

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1. Zur historischen Überlieferung der Ereignisse

Als am 12. April 1897 in Neu-Isenburg weit über einhundert Wäscherinnen und Büglerinnen in einen unbefristeten Streik traten, war dies der Beginn eines siebenwöchigen, erbittert geführten Arbeitskampfes. Die Frauen stritten für eine Erhöhung ihrer kargen Löhne und eine Verbesserung ihrer kräftezehrenden Arbeitsbedingungen.

Über das Ereignis, das damals die 7000-Seelen-Gemeinde bewegte und in Atem hielt, ist vor Ort schriftlich nur wenig überliefert. Amtliche Dokumente fehlen fast vollständig. Lediglich zwei den Streik betreffende Bekanntmachungen finden sich unter den Archivalien im Neu-Isenburger Stadtarchiv. Polizeiberichte, in der Regel eine wichtige Quelle zu den Arbeitskämpfen im Kaiserreich, sind nicht vorhanden. Neuere Publikationen zur Arbeiterbewegung und zur Sozialdemokratie in Neu-Isenburg und in Hessen schweigen sich überraschenderweise ebenfalls über den Arbeiterinnenstreik aus.

Nachfragen in ortsansässigen Wäscherfamilien, deren Betriebe mindestens so alt sind wie der Streik oder deren Großmütter noch zu den Streikenden gehört haben könnten, erzeugten bei den Befragten Erstaunen oder Ungläubigkeit. Offensichtlich haben die an dem Arbeitskampf Beteiligten den eigenen Nachkommen nichts über die Geschehnisse weitererzählt.

Ohne die – glücklicherweise erhaltenen – Berichte verschiedener Zeitungen wäre die Rekonstruktion des Wäscherinnenstreiks nicht möglich gewesen. Das Neu-Isenburger Anzeigeblatt, die Frankfurter „Kleine Presse“ und mehrere sozialdemokratische Zeitungen informierten in ihren damaligen Ausgaben detailliert über den Verlauf des Ausstands, und auch die bürgerlichen Frankfurter Blätter und die Offenbacher Zeitung brachten einzelne Meldungen.

Neben den Zeitungsberichten sind die Schriften der Frankfurter Frauenrechtlerin und Sozialpolitikerin Henriette Fürth wichtige Informationsquellen. Die Sozialdemokratin, die 1919 zu den ersten weiblichen Stadtverordneten in Frankfurt gehörte, war in der allgemeinen und in der jüdischen Frauenbewegung aktiv. Ihr Engagement galt vor allem der Verbesserung des Mutterschutzes, der Senkung der Säuglingssterblichkeit und der Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten. Zum Zeitpunkt des Streiks leitete sie die auf Initiative des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins gegründete „Rechtsschutzstelle für Frauen“ , eine Beratungsstelle für Frauen in Rechtsfragen. In dieser Funktion wirkte sie einflußreich an der Schlichtung des Wäscherinnenstreiks mit. Noch 1897 verarbeitete sie den Ausstand publizistisch und berichtete darüber in zwei sozialdemokratischen Zeitungen. Ihre eigene Rolle als Streikschlichterin schilderte sie 1933 in ihren Lebenserinnerungen.

2. Die Wäschereien im Wirtschaftsgefüge Neu-Isenburgs

1897 existierten in Neu-Isenburg 76 Wäschereien – bei wenig mehr als 700 Gebäuden in der Stadt. D.h.: in etwa jedem 9. Gebäude wurde eine Wäscherei betrieben. Die Zahl der Wäschereien wuchs bis zur Jahrhundertwende weiter an. In einem Adreßbuch für das Jahr 1900 sind 103 Wäschereien verzeichnet. Eine 1905 vom Neu-Isenburger Bürgermeister Jacob Pons angefertigte Liste führt bei knapp 10000 Einwohnern 92 Wäschereien auf. Fast die Hälfte der Wäschereien waren kleine Familienunternehmen, in denen gar keine oder nur eine Hilfskraft fest angestellt war. Mit 7 Arbeiterinnen war die Wäscherei der Geschwister Delrieux im Jahr 1905 der größte Betrieb in der Stadt, gefolgt von den Wäschereien Friedrich Mantel und Heinrich Göckel mit je 6 Angestellten.

Wer, so muß man sich fragen, hatte Bedarf an den Leistungen so vieler Wäschereibetriebe in einer Kleinstadt und Arbeiterwohngemeinde, in der sich kaum jemand leisten konnte, seine Wäsche zum Waschen außer Haus zu geben?
Neu-Isenburg hatte sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts im Rhein-Main-Gebiet zu einer „guten Adresse“ für das Wäschereihandwerk entwickelt. Das Wäschereigewerbe konzentrierte sich auf den Be¬reich der hugenottischen Gründungsanlage im Osten der Stadt, den heute sogenannten „Alten Ort“. Insbesondere in der Wiesenstraße am äußeren Bebauungsrand der Stadt reihte sich Wäscherei an Wäscherei. Hier waren die Voraussetzungen für das Wäschereihandwerk günstig, denn unmittelbar anliegend erstreckten sich ausgedehnte Wiesen, die sich aufgrund der besonderen geologischen Gegebenheiten zum Bleichen der Wäsche hervorragend eigneten: Eine Tonschicht hielt das Niederschlagswasser oberflächennah fest, so daß die Wiesen selten austrockneten.

Vor der Erfindung chemischer Aufheller und Fleckentferner nutzte man das Sonnenlicht gegen das Vergilben der Wäsche und gegen Flecken. Die ständige Feuchtigkeit des Bodens war dabei wichtig, denn wenn das Sonnenlicht die gewünschte Wirkung erzielen sollte, durfte die Wäsche nicht zu schnell austrocknen. Das Wasser im Osten Neu-Isenburgs war zudem weich, und die Brunnen in der Wiesenstraße waren stets ergiebig. Der nahegelegene Luderbach diente zur schnellen und vermeintlich unproblematischen Entsorgung der Abwässer. Das mit Lauge versetzte Wasser floß ungereinigt in den Bach. Gedanken über ökologische Schäden machte man sich dabei nicht. Erst 1914, nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit der Stadt Frankfurt, in deren Gemarkung das verschmutzte und stinkende Gewässer von Neu-Isenburg aus floß, wurden die Grundstücke im „Alten Ort“ an die Kanalisatin angeschlossen.

Ähnlich wie Neu-Isenburg hatten sich überall in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Dörfer und Kleinstädte am Rande von Großstädten zu regelrechten Wäschereiorten herausgebildet. Diese Entwicklung war eine unmittelbare Folge der Industrialisierung. Die wichtigsten Kunden der Neu-Isenburger Wäschereien waren wohlhabende Bürgerfamilien aus Frankfurt. Da der Stadtkern Frankfurts eng bebaut und die Luft durch die Fabriken und die Dampfbahnen rußig war, konnte die Wäsche dort nicht mehr im Freien getrocknet und sachgemäß gebleicht werden. Die Familien, die es sich leisten konnten, gaben deshalb ihre Wäsche gern zum Waschen in das ländliche Neu-Isenburg. Konkurrenz hatten die Neu-Isenburger Wäschereien allenfalls in Kelsterbach, das ebenfalls über ausgedehnte Rasenbleichen verfügte.
Neu-Isenburg war also im Zuge der Industrialisierung zur „Waschküche“ Frankfurts geworden. Das Wäschereigewerbe war aber nur ein Ausschnitt aus den vielfältigen wirtschaftlichen Abhängigkeiten der hessischen Kleinstadt zur benachbarten Großstadt im Norden. Der traditionelle Handwerkerort Neu-Isenburg war am Ende des 19. Jahrhunderts ein Zentrum der Möbelschreinerei, des metall- und des lederverarbeitenden Handwerks und der Filzherstellung. Neben den Wäschereien prägten zahlreiche Gärtnereien das Stadtbild. Die Auftraggeber bzw. Absatzmärkte dieser Betriebe waren in erster Linie in Frankfurt. Nach und nach entwickelte sich Neu-Isenburg außerdem zur Schlafstadt für Industriearbeiter, die ins Rhein-Main-Gebiet strömten und in Frankfurt Arbeit annahmen. Der Platz im Stadtgebiet reichte für die Ansiedlung so vieler Menschen nicht aus, so daß diese in die umliegenden Gemeinden drängten. Ein Bauboom in Neu-Isenburg war eine der Folgen. Am Ende des Jahrhunderts hatte über die Hälfte der Neu-Isenburger Erwerbstätigen seinen Arbeitsplatz in Frankfurt. Seit der Eröffnung der Waldbahn 1889 gingen die Neu-Isenburger außerdem – sehr zum Ärger der örtlichen Geschäftsinhaber – verstärkt in der Nachbarstadt einkaufen. Die Wirtschaftsbeziehungen Neu-Isenburgs zum preußischen Frankfurt waren viel enger als zur hessischen Hauptstadt Darmstadt und zur benachbarten hessischen Kreisstadt Offenbach.

Doch zurück zu den Wäschereien: In den Neu-Isenburger Wäschereien waren fast ausschließlich Frauen beschäftigt – 1897 insgesamt 208. 1905 arbeiteten im Wäschereihandwerk 182 Arbeiterinnen, 17 Lehrmädchen und nur 2 männliche Arbeiter. Die Wäscherinnen leisteten schwere körperliche Arbeit, denn 1897 erleichterten weder Wasserleitungen noch Maschinen ihr Handwerk. Erst im Winter 1898/99 nahm in Neu-Isenburg das erste Wasserwerk seinen Betrieb auf, so daß die Haushalte und Gewerbebetriebe nach und nach mit Wasserleitungen versorgt werden konnten. Zum Zeitpunkt des Wäscherinnenstreiks dagegen war die Wasserversorgung noch genauso primitiv wie kurz nach der Gründung der Gemeinde fast 200 Jahre zuvor. Die meisten Anwesen besaßen einen eigenen Brunnen, oder mehrere Nachbarn nutzten einen Brunnen gemeinschaftlich. Jeder Liter Wasser, der in Gewerbebetrieben oder Privathaushalten verbraucht wurde, mußte in Handarbeit zum Verwendungsort transportiert werden. Nur wenige Waschküchen waren über Wasserleitungen mit einem nahegelegenen Brunnen verbunden, so daß das Wasser mit Hilfe einer Handpumpe direkt in den Waschraum gepumpt werden konnte.

3. Die Arbeit in den Wäschereien und die Arbeitsbedingungen der Wäscherinnen

Die Arbeit in den Wäschereibetrieben umfaßte das Waschen, das Bleichen und das Bügeln der Wäsche. Viele der Frauen arbeiteten zugleich als Wäscherinnen und als Büglerinnen. Die Wäsche wurde bei den Kunden abgeholt oder von Fuhrleuten angeliefert. In der Wäscherei weichten die Arbeiterinnen sie dann zunächst in großen Wannen ein. Das dazu nötige Wasser transportierten die Lehrmädchen in Bottichen auf Schubkarren herbei. Anschließend wurde die nasse und deshalb besonders schwere Wäsche in die Waschkessel gewuchtet und gekocht. Dabei bewegten die Waschfrauen sie ständig mit großen hölzernen „Löffeln“, bearbeiteten sie auf Waschbrettern, spülten und brachten sie zum Bleichen auf die Wiesen. Hier mußten die ausgebreiteten Wäschestücke durch Begießen feucht gehalten und immer wieder gewendet werden. Bis die Wäsche gewaschen und getrocknet war, vergingen je nach Jahreszeit zwei bis drei Tage. Nun mußte sie noch gestärkt, gebügelt und in Körbe gepackt werden, bevor sie schließlich auf Handwagen oder durch Fuhrleute zu den Kunden zurückgebracht wurde.

Henriette Fürth beschrieb die Arbeitsbedingungen der Neu-Isenburger Wäscherinnen und Büglerinnen 1897 in einem Artikel der sozialdemokratischen Wochenzeitschrift „Die neue Zeit“:
Von einer geregelten Arbeitszeit war überhaupt nicht die Rede. In sieben Wäschereien währte der Arbeitstag von 6 Uhr früh bis 11 Uhr Abends, also 17 Stunden. In 12 Geschäften von 7 – 11 Uhr = 16 Stunden […] und nur in 16 Geschäften von 8 – 8 Uhr = 12 Stunden […] Da die meisten Wäscherinnen auch Büglerinnen zugleich sind oder an den verschiedenen Tagen der Woche in verschiedenen Geschäften arbeiten, bedeutete das […] eine wöchentliche Arbeitszeit von 70 bis 90 Stunden und darüber. Zu dem regelmäßigen Werktag kamen jeweils noch Überstunden, in einem Falle zum Beispiel an drei aufeinanderfolgenden Tagen Bügelarbeit von früh 7 bis zum folgenden Morgen 3 Uhr, in drei Tagen also 60 Stunden Arbeitszeit. Eine andere Büglerin arbeitete drei Wochen hintereinander an je fünf Tagen je 17 – 18 Stunden, das heißt 85 – 90 Arbeitsstunden in der Woche. Überstunden, die den Arbeitstag auf 18 Stunden und mehr verlängerten waren überhaupt nichts Seltenes. Und traurig und unglaublich: in der Mehrzahl der Betriebe, d. h. in 44, wurde für die Überzeit nichts bezahlt.

Der Beruf der Wäscherinnen und Büglerinnen war ein Lehrberuf. Die Lehrzeit war aber weniger eine Phase der Ausbildung, sondern eher eine Zeit der Ausbeutung. Die Unterweisung in das Handwerk des Waschens stellte keine hohen Anforderungen an den Ausbilder oder die Ausbilderin. Die Lehrlinge aber hatten lange Arbeitszeiten und wurden noch weit schlechter entlohnt als die gelernten Wäscherinnen. Im ersten Lehrjahr betrug die Arbeitszeit bis zu 56 Stunden pro Woche. Stunde um Stunde mußten die etwa 16jährigen Mädchen das Waschwasser vom Brunnen zur Arbeitsstelle schaffen. Sie erhielten dafür einen Wochenlohn von einer Mark, das entspricht einem Stundenlohn von weniger als 2 Pfennigen. Im zweiten Lehrjahr wurden die Lehrmädchen für bis zu 72 Arbeitsstunden mit ca. 4 bis 7 Pfennigen pro Stunde entlohnt. Ausgelernte Wäscherinnen verdienten im Durchschnitt einen Stundenlohn von 8 bis 9 Pfennigen. Der höchste, in Neu-Isenburg gezahlte Tageslohn für eine Wäscherin betrug 1,50 Mark. Wäscherinnen und Büglerinnen in Frankfurt verdienten dagegen in einem Privathaushalt doppelt soviel wie ihre Neu-Isenburger Kolleginnen: bei 11 Arbeitsstunden und freiem Essen 2 Mark und in einem gewerblichen Betrieb ohne Verpflegung 2,50 bis 3 Mark. Auch der Vergleich mit dem Einkommen der Neu-Isenburger Schreiner zeigt, wie schlecht die Wäscherinnen bezahlt wurden. Ein gelernter Schreiner verdiente täglich zwischen 3,62 Mark und 5,70 Mark. Anders als die Schreiner erhielten die Neu-Isenburger Wäscherinnen zwar unentgeltliche Mahlzeiten, diese waren allerdings in einigen Betrieben von so minderwertiger Qualität, daß die Frauen die Verbesserung der Kost in ihre Streikforderungen aufnahmen: Von verunreinigter Butter und Katzenfleisch zum Mittagessen war dabei u.a. die Rede.

Was konnten die Wäscherinnen für ihren Lohn kaufen? Ein Pfund Mehl kostete 18 Pfennige, den Lohn für 2 Arbeitsstunden. Für ein Pfund Zucker zum Preis von 27 Pfennigen mußte eine Wäscherin mindestens 3 Stunden arbeiten. Ein Pfund Butter kostete eine Wäscherin sogar einen ganzen Tageslohn.
Viele Wäscherinnen und Büglerinnen waren nur als Tagelöhnerinnen beschäftigt, denn das Wäschereigewerbe war saisonabhängig. Vor Feiertagen häufte sich die Arbeit und im Winter war weit weniger zu tun als im Sommer. Die Tagelöhnerinnen arbeiteten deshalb oft in mehreren Wäschereien oder sie waren noch in einem zweiten Beruf tätig, meistens als Weißstickerinnen bei den Frankfurter Kundinnen der Neu-Isenburger Wäschereien.

Man stelle sich unter diesen Bedingungen das alltägliche Leben einer Arbeiterfamilie vor. Beide Eheleute waren aus purer Not gezwungen, von früh morgens bis spät abends – oftmals unter kräftezehrenden und gesundheitsgefährdenden Bedingungen – erwerbstätig zu sein. Eine der gravierendsten sozialen Folgen war die massenhafte Verwahrlosung von Arbeiterkindern. Mangels öffentlicher Betreuungseinrichtungen waren viele Kinder ständig sich selbst überlassen. Zwar existierten in Neu-Isenburg zwei kirchliche „Kleinkinderschulen“, die gegen ein geringes Entgelt die Kinder von 7 Uhr morgens bis mittags und noch einmal am Nachmittag aufnahmen. Die Zahl der zu Hause unbetreuten Klein- und Vorschulkinder war jedoch so groß, daß die „Kleinkinderschulen“ den Bedarf bei weitem nicht decken konnten.

Das Wäschereigewerbe existierte in der Grauzone vorindustrieller hauswirtschaftlicher Betriebsweise. Häufig waren die Lohnarbeiterinnen Verwandte der Wäschereibesitzer. Die Wäschereien wurden nicht von der Gesetzgebung zum Arbeiterschutz erfaßt und deshalb nicht staatlich kontrolliert. Die Wäscherinnen waren weder krankenversichert, noch unfall- oder invalidenversichert.
Die Wäschereibesitzer in Neu-Isenburg übten ihr Gewerbe häufig nebenberuflich aus. Im Jahr 1900 waren von den 103 Wäschereien nur 28 auf den Namen von Frauen eingetragen. In der Praxis aber führten viel häufiger Frauen, nämlich die Ehefrauen der nach außen als Wäschereibesitzer auftretenden Männer, die Betriebe. Die Männer gingen währenddessen einer anderen – oft einer abhängigen – Berufstätigkeit nach. Nur in 40 der 76 Betriebe arbeiteten 1897 die eingetragenen Besitzer wirklich mit.

Am Beispiel anderer deutscher Kleinstädte und Dörfer konnte nachgewiesen werden, daß gerade die Textilwäscherei Frauen die Chance zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit bot. Ohne über größeres Betriebskapital verfügen zu müssen, ausgerüstet lediglich mit wenigen Gerätschaften und mit ihren hauswirtschaftlichen Kenntnissen, konnten Frauen im Wäschereigewerbe leicht einen selbständigen Wirtschaftsbetrieb gründen. Auch Neu-Isenburgerinnen nutzten diese Möglichkeit zu beruflicher Eigenständigkeit. Dies gilt hier vor allem für Witwen, die nach dem Tod ihrer Ehemänner mit der Gründung einer Wäscherei ihre Existenz sicherten. Von den 28 Wäschereibesitzerinnen, die 1900 im Neu-Isenburger Adreßbuch aufgeführt sind, waren 21 Witwen.

Die Größe und Struktur der Wäschereien brachte es mit sich, daß sich als Kontrahenten des Wäscherinnenstreiks 1897 fast ausschließlich „kleine Leute“ gegenüberstanden, zwischen denen sozial kaum Unterschiede existierten. Der Gesellschafter und spätere Geschäftsführer des Frankfurter Instituts für Gemeinwohl, der Sozialdemokrat Philipp Stein , der in Neu-Isenburg mit den streitenden Parteien verhandelt hatte, charakterisierte die besondere Situation in den Neu-Isenburger Wäschereien:
„Die meisten Unternehmer gehören zur Schicht der Arbeiter, zum Teil sind sie in Frankfurt oder Isenburg als Arbeiter tätig. Sie haben zum größten Teil bisher sozialdemokratisch gestimmt, etliche gehören dem Wahlverein an. Einige von ihnen, die Kleineren haben die Forderungen bewilligt, andere dagegen entscheiden sich in der Praxis für die Ausbeutung. Zum Teil geht es ihnen ja ebenso wie ihren Angestellten und sie haben nicht das Geld für den Lohn […]
Ich meine, man kommt bei ihm [dem Streik] mit den allgemeinen Schlagwörtern von Unternehmern und Ausbeutung bald ans Ende. Er zeigt das Bild eines kleinen, schlurig betriebenen Gewerbes mit alten verfilzten Uebeln […].“

Die Wäschereibesitzer und die Arbeiterinnen gehörten also derselben Gesellschaftsschicht und denselben Familien an, viele Arbeitgeber waren Mitglieder der SPD und der Gewerkschaften. Der Wäscherinnenstreik brachte die Arbeiterbewegung in Neu-Isenburg somit in eine schwierige Situation. Auf welche Seite sie sich während des Ausstands auch stellen mochte, sie würde in jedem Fall Anhänger der eigenen Organisationen verprellen.

4. Die Wäscherinnen organisieren sich

Gegen die von Henriette Fürth so eindringlich beschriebenen harten Arbeitsbedingungen und gegen die miserable Vergütung ihrer Arbeit formierte sich seit dem Frühsommer 1896 der Widerstand der Neu-Isenburger Wäscherinnen und Büglerinnen. Beachtlicher Mut und die Verzweiflung existentieller Notlage kennzeichnen die Vorgehensweise dieser Frauen, die keinerlei politische Vertretung besitzen durften. Nach dem Scheitern der Achtundvierzigerrevolution war es Frauen in fast allen deutschen Ländern gesetzlich verboten worden, sich in Vereinen mit politischen Zielsetzungen zu organisieren. Sie durften nicht einmal an Versammlungen politischer Vereine teilnehmen. Rechtliche Grundlage für den Ausschluß von Frauen aus Parteien und Gewerkschaften war das preußische Vereinsgesetz vom 11. März 1850, in dem es in § 8 heißt:
„Für Vereine, welche bezwecken, politische Gegenstände in Versammlungen zu erörtern, gelten […] nachstehende Beschränkungen: a) sie dürfen keine Frauenspersonen, Schüler und Lehrlinge als Mitglieder aufnehmen […] Frauenspersonen, Schüler und Lehrlinge dürfen den Versammlungen und Sitzungen solcher Vereine nicht beiwohnen. Werden dieselben auf die Aufforderung des anwesenden Abgeordneten der Obrigkeit nicht entfernt, so ist Grund zur Auflösung der Versammlung oder Sitzung vorhanden.“

Die Neu-Isenburger Wäscherinnen wählten einen Ausweg, den zuvor auch andere Arbeiterinnenvereine in Deutschland beschritten hatten. Sie schlossen sich zu einem dem Namen und den Statuten nach unpolitischen Verein zusammen. Auf einer öffentlichen Versammlung unter der Leitung des Sozialdemokraten und aktiven Gewerkschafters Gustav Jacob Freitag riefen sie am 22. Juni 1896 den „Allgemeinen Frauen- und Mädchenverein“ ins Leben. Unmittelbare Vorbilder könnten die Frankfurter Arbeiterinnenvereine gewesen sein. In Frankfurt hatten Frauen jahrelang versucht, eigene gewerkschaftliche Organisationen zu gründen oder sich bestehenden Gewerkschaften anzuschließen. Da die Übergänge zwischen gewerkschaftlicher und politischer Arbeit naturgemäß fließend sind, waren solche Zusammenschlüsse immer wieder gerichtlich verboten und die Urheberinnen bestraft worden. Im April 1892 schließlich hatte das Landgericht Frankfurt ein Urteil gefällt, das den Frauen eine Möglichkeit zur Umgehung der restriktiven Bestimmungen des Vereinsrechts aufzeigte. Das Gericht stellte fest, daß Arbeiterinnenvereine erlaubt sein müßten, wenn sie ihre Ziele auf unpolitische Weise verfolgten. Die Arbeiterinnen suchten sich daraufhin Vereinsnamen und Vereinszielsetzungen, die politisch unverdächtig waren, um unter diesem Deckmantel gewerkschaftlich arbeiten zu können. In Frankfurt z. B. wurde der mit Verbot belegte gewerkschaftliche „Verein zur Wahrung der Interessen der Arbeiterinnen“ kurzerhand in „Allgemeiner Arbeiterinnenverein“ umbenannt und konnte nun fortgeführt werden.

Die Arbeiterbewegung war in solchen Winkelzügen geübt. Schon unter den bis 1890 geltenden Sozialistengesetzen hatten Sozialdemokraten und Gewerkschaften durch die Wahl „neutraler“ Organisationsnamen ihre parteipolitische und gewerkschaftliche Arbeit aufrechterhalten.

Die Neu-Isenburger Wäscherinnen erklärten – vage und vielfältig deutbar – die „materielle und geistige Hebung der Lage der Arbeiterinnen“ zum Ziel ihres „Allgemeinen Frauen- und Mädchenvereins“. Die – leider nicht erhaltenen – Statuten legten einen Beitrag von 5 Pfennigen pro Woche und monatlich eine Versammlung fest. Spontan traten dem Verein 69 Mitglieder bei. Bis zum Streikbeginn ein knappes Jahr später war die Mitgliederzahl auf 174 Frauen und Mädchen angestiegen. Den Vorsitz des Vereins übernahm ein Mann, jener Gustav Freitag, der die Versammlung geleitet hatte.

Gustav Jacob Freitag, am 25. Juli 1873 in Kassel geboren, war um die Jahrhundertwende Gastwirt im ‘Schweizer Hof’ in der Neu-Isenburger Waldstraße. Er gehörte dem Sozialdemokratischen Wahlverein an und war darüber hinaus gewerkschaftlich aktiv. Bei gewerkschaftlichen Protestaktionen z.B. gegen gesetzliche Einschränkungen des Koalitionsrechts sowie bei den Streiks der Schreiner in den Jahren 1896 und 1902 gehörte er zu den gewerkschaftlichen Wortführern.

Von Henriette Fürth wissen wir, daß der Gründung des „Allgemeinen Frauen und Mädchenvereins“ bereits Anfang des Jahres 1896 eine Auseinandersetzung zwischen den Wäschereibesitzern und den Wäscherinnen um Arbeitsbedingungen und Löhne vorausgegangen war. Die Arbeiterinnen – so Henriette Fürth – hatten schon damals von ihren Arbeitgebern höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten verlangt, ihre Forderungen aber nicht durchsetzen können, weil sie als Bittstellerinnen einzeln aufgetreten waren. Fast zeitgleich hatten sie erlebt, wie sich die Neu-Isenburger Schreiner, gestützt auf ihre gewerkschaftliche Organisation, erfolgreich eine Lohnerhöhung erstritten. Was also war für die Wäscherinnen näherliegend, als sich ebenfalls zusammenzuschließen, um gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen und höheren Lohn zu kämpfen?

5. Arbeiterinnen begehren auf

Nach der Gründung des „Allgemeinen Frauen- und Mädchenvereins“ dauerte es noch ein ganzes Jahr, bis die Wäscherinnen in den Streik traten. Der Verein hatte die Zeit genutzt, um den Ausstand vorzubereiten und Mitglieder zu werben. Am 23. März 1897 fand schließlich in der Gaststätte „Zum Deutschen Haus“ unter Gustav Freitags Leitung eine öffentliche Versammlung statt, auf der die Verhältnisse in den Wäschereien noch einmal dargelegt und die Forderungen der Arbeiterinnen formuliert wurden.
1. „Einen Normalarbeitstag von 10 Stunden, und zwar an den Waschtagen von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, an den Bügeltagen von 8 bis 8 Uhr. Außerdem eine Frühstücks- und Vesperpause von je 20 Minuten und eine 1-stündige Mittagspause. Dazu angemessene Kost und menschenwürdige Behandlung, an der es besonders die Kinder der Unternehmer hätten fehlen lassen.
2. Der Lohn solle pro Stunde betragen für eine erste Arbeiterin 15 Pfennig, für eine mittlere Arbeiterin 14 Pfennig und für eine jüngere [ausgelerntes Mädchen] 10 Pfennig. Überarbeitszeit solle zu gleichen Sätzen gezahlt werden.“
Die gutbesuchte Versammlung nahm folgende Resolution an:
„Die heute Abend im Saale zum Deutschen Haus stattgefundene öffentliche Volksversammlung für Frauen und Männer erklärt sich mit den Ausführungen der Red¬ner über die Mißstände in den hiesigen Waschereien einverstanden. Dieselbe erkennt diese Mißstände an und verspricht mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln diese Mißstände beseitigen zu helfen und für Verbesserung der Lage der Arbeiterinnen einzutreten“.

Das Papier mit den Forderungen wurden den Wäschereibesitzern am 6. April zugestellt. Der Zeitpunkt des Streiks war sorgfältig gewählt, denn nach dem Ende des Winters und um die Osterzeit war in den Wäschereien Hochsaison.
Der „Allgemeine Frauen- und Mädchenverein“ hatte den Arbeitgebern eine Frist von vier Tagen gesetzt, um die Bedingungen der Wäscherinnen zu erfüllen. Die Wäschereibesitzer und -besitzerinnen zeigten sich jedoch mehrheitlich unnachgiebig und waren zu Verhandlungen nicht bereit. Nur vier bewilligten die Forderungen der Arbeiterinnen bis zum 10. April, neun weitere stimmten in den folgenden Tagen zu. Daraufhin traten am 12. April 1897 in Neu-Isenburg 130 Wäscherinnen und Büglerinnen in den Ausstand. Die Jüngste der Streikenden war 15 Jahre alt, die Älteste 73. 80 Frauen schlossen sich dem Arbeitskampf nicht an. Die Arbeitgeber von 50 Wäscherinnen hatten die Forderungen der Arbeiterinnen akzeptiert, 30 Frauen arbeiteten weiterhin nach den alten Bedingungen.

Die Neu-Isenburger Wäschereibesitzer sahen auch nach Ausrufung des Streiks zunächst keine Veranlassung zum Einlenken. Sie betonten, trotz der Arbeitsniederlegung ihre Kundschaft weiter bedienen zu können. Sie drohten den Wäscherinnen mit dem dauerhaften Verlust ihrer Arbeitsplätze, packten bei der Arbeit selbst noch härter an und stellten – zu besseren Bedingungen als bisher – Frauen ein, die dem „Allgemeinen Frauen- und Mädchenverein“ fernstanden. Sie setzten auf Zeit, denn die streikenden Wäscherinnen erhielten fast keine finanzielle Unterstützung. Die Kasse des Frauen- und Mädchenvereins konnte für begrenzte Zeit eine Mark pro Woche – also wöchentlich weniger als einen Tageslohn – auszahlen. Da die betroffenen Arbeiterfamilien aber zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts auf den Verdienst der Frauen angewiesen waren, war klar, daß die Streikenden nicht unbegrenzt durchhalten konnten.

Wie siegessicher die Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen waren, zeigt ein Zwischenfall, der sich während eines Vermittlungsversuchs von Bürgermeister Jacob Pons ereignete und den das Neu-Isenburger Anzeigeblatt mit viel Spott aufgriff:
„Die Waschereibesitzer und Besitzerinnen erklärten, zu einem Nachgeben keine Veranlassung zu haben, da sie trotz des Streiks die Kundschaft zu bedienen im Stande seien. Jedenfalls um der unter ihnen herrschenden Einigkeit in dieser Beziehung Ausdruck zu geben, stimmte ein sangesfroher Waschereibesitzer das Lied: „Wir halten fest und treu zusammen“ an, welcher Versuch jedoch von dem Bürgermeister als unpassend an dieser Stelle gerügt wurde. Die an eine feuchte Thätigkeit gewohnten Männlein und Weiblein zogen hierauf nach einem benachbarten Lokale, um daselbst bei einem Fasse Bier auch einmal den inneren Menschen anzufeuchten.“

Am 14. April verhöhnten einige Wäschereibesitzer die Arbeiterinnen offen mit einer Annonce im Neu-Isenburger Anzeigeblatt. Der Text bezog sich auf die Beschwerde der Arbeiterinnen über schlechte Behandlung und schlechte Verpflegung.
Die zynische Antwort lautete:
„Aufgepaßt!
Es gibt jetzt neue Kost bei den Waschleuten. Morgens 7 Uhr Anfang, da gibt es süßen Kaffee und 2 Brödchen, um 9 Uhr wird es geschellt, da gibt es Schweizerkäse, Butter und ein Fläschchen Bier, um 12 Uhr wird Suppe mit Markklößchen, Gemüse, geröstete Kartoffel und Rehbraten aufgetragen, Nachtisch gibt es ein Theelöffel voll Eis und ein Gläschen Wein. Um 1/2 2 Uhr Anfang. Um 3 Uhr gibt es Kaffee, Butterkuchen mit Rosinen drauf, um 5 Uhr ein Gläschen Cognac und Butterbrod. Sieben Uhr Feierabend, da gibt es Cotelett, Salat und ein Glas Bier, 1Mk.50 Pf und ein Korb voll mit nach Haus, auch kann noch ein Bündel Wasch mitgewaschen werden.

Der „Allgemeine Frauen- und Mädchenverein“ besaß die Unterstützung der lokalen und regionalen Gewerkschaften und der SPD. Diese Verankerung in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung war eine Voraussetzung, ohne die die streikenden Wäscherinnen keine Chance gehabt hätten, ihren Arbeitskampf erfolgreich abzuschließen.

Die Neu-Isenburger Gewerkschaften waren 1897 als lokale Fachvertretungen organisiert. Um die Jahrhundertwende schloß sich ein örtliches Gewerkschaftskartell zusammen, dem der „Allgemeine Frauen- und Mädchenverein“ aber wegen des politischen Organisationsverbots für Frauen nicht angehören konnte. Die Wäscherinnen unterhielten keine formalen Verbindungen zur Gewerkschaftsbewegung und zum Sozialdemokratischen Wahlverein. Personell bestanden jedoch enge Kontakte über den Vorsitzenden des Wäscherinnenvereins.
Am 28. April rief eine Gewerkschaftsversammlung in Neu-Isenburg zur Unterstützung der Wäscherinnen auf und beschloß, dem Allgemeinen Frauen- und Mädchenverein materielle Hilfe zukommen zu lassen. Nach dem Vorschlag der Versammelten sollte jeder Arbeiter, der am 1. Mai seinem Beruf nachging, ein Drittel seines Lohns für die Wäscherinnen spenden. Darüber hinaus wurden alle Arbeiter aufgefordert, für die Dauer des Arbeitskampfes wöchentlich 50 Pfennige zugunsten der Streikenden abzugeben.

Das Frankfurter Gewerkschaftskartell diskutierte am 7. Mai über den Streik und spendete 150 Mark.
Der Sozialdemokratische Wahlverein Neu-Isenburg bekundete immer wieder seine Solidarität. Der SPD-Reichstagsabgeordnete Wilhelm Schmidt aus Frankfurt war mehrmals in Neu-Isenburg, um die Frauen zu beraten , ihnen Mut zu machen und um ihre Männer zur Unterstützung aufzufordern. Auch Carl Ulrich, der spätere Staatspräsident des Landes Hessen, der zum Zeitpunkt des Streiks Reichstags- und Landtagsabgeordnter der SPD sowie Stadtverordneter in Offenbach war, hielt in einer Versammlung der Wäscherinnen eine Ansprache. Der „Allgemeine Frauen- und Mädchenverein“ nutzte das organisatorische Netz der Arbeiterbewegung, um über Neu-Isenburg hinaus auf die Arbeitsbedingungen und den Streik der Wäscherinnen aufmerksam zu machen.

Zu einer öffentlichen Versammlung am 26. Mai reiste eigens eine Referentin aus Hamburg an. Ihr Name wird im Neu-Isenburger Anzeigeblatt mit Helene Steinbach angegeben. Die Rednerin sollte ursprünglich über die Streikbewegung in Neu-Isenburg sprechen. Da sich jedoch die Schlichtungsverhandlungen im Wäscherinnenstreik zu diesem Zeitpunkt in einer entscheidenden Phase befanden und man kein Öl ins Feuer der Auseinandersetzungen gießen wollte, wechselte die Rednerin auf Gustav Freitags Bitte hin kurzfristig das Thema und referierte vor 300 Besuchern und Besucherinnen über „Das Recht der Frauen in der heutigen Gesetzgebung“. Die Referentin muß eine versierte Rednerin und eine aktive Frauenrechtlerin gewesen sein, wenn sie in der Lage war, dieses Thema unvorbereitet abzuhandeln. Deshalb steht zu vermuten, daß die Referentin nicht Helene, sondern Helma Steinbach hieß. Helma Steinbach war eine bekannte Hamburger Frauenrechtlerin und Mitglied der 1889 in Berlin und Hamburg gegründeten sog. „Agitationskommission“. Diese Kommission war die einflußreichste Einrichtung der sozialdemokratischen Frauenbewegung, deren wichtigste Aufgabe es war, Frauen für die Mitgliedschaft und Mitarbeit in der Partei und in den Gewerkschaften zu gewinnen. Sie entsandte Rednerinnen in alle Länder des Deutschen Reichs, um die Gewerkschaften in ihrer Werbungsarbeit zu unterstützen. Zu den Referentinnen der Kommission gehörte an der Seite so renommierter Frauenrechtlerinnen wie Emma Ihrer, Ottilie Baader und Clara Zetkin auch Helma Steinbach. Der Kontakt zu ihr könnte über den Frankfurter Ableger der Berliner Organisation, das Frankfurter „Agitationskommitee zur Förderung des Interesses für die Bewegung der Arbeiterinnen“, zustande gekommen sein.

Die Wäscherinnen hatten schon wenige Tage nach Streikbeginn das Gewerbegericht des Kreises Offenbach um Schlichtung angerufen, und auch Bürgermeister Jacob Pons versuchte zu vermitteln. Das Gewerbegericht konnte jedoch nicht aktiv werden, solange die Wäschereibesitzer es nicht ebenfalls als Einigungsstelle akzeptierten. Diese erklärten dem sehr um Neu-Isenburg und um Vermittlung im Wäscherinnenstreik bemühten Kreisrat Friedrich Haas jedoch schroff, sie würden nicht verhandeln und betrachteten den Streik ohnehin als beendet. In Zukunft wollten sie lieber auf die neuartigen Waschmaschinen setzen und könnten die Arbeiterinnen deshalb entbehren.

Die Chancen der Wäscherinnen, den Ausstand erfolgreich zu beenden, verschlechterten sich mit jedem Streiktag, da der Verdienstausfall der Frauen die wirtschaftliche Situation der Familien tagtäglich verschärfte. Die Erwartung mancher Wäschereibesitzer, die Streikenden zermürben zu können, schien sich rasch zu erfüllen. Auch eine so engagierte und selbstlose Streikführerin wie die 73-jährige Wäscherin Elise Streb hätte auf Dauer den Ausstand nicht zum Erfolg führen können. Elise Streb schaffte es immer wieder, resignierende Frauen aufzumuntern und zum Durchhalten zu bewegen. Sie selbst verzichtete unter Entbehrungen auf jegliche Unterstützung aus der Kasse des Frauen- und Mädchenvereins.
Um den Druck auf die Wäscherinnen zu erhöhen, den Streik abzubrechen, versuchten manche Arbeitgeber zusätzlich, Wäschereikundinnen in Frankfurt gegen die Arbeiterinnen aufzubringen und diesen dadurch auch ihren Zweitverdienst als Weißstickerinnen nehmen.

In dieser für die Streikenden fast ausweglosen Situation informierten die Wäscherinnen mit Handzetteln in Frankfurt über ihre Notlage. Offenbar in der Hoffnung auf die Solidarität der Frankfurter Kundinnen veröffentlichten sie außerdem die Namen derjenigen Wäschereibesitzer, die die Forderungen der Streikenden erfüllt hatten.
Hier griff nach ihren eigenen Darstellungen Henriette Fürth in das Streikgeschehen ein. In ihren Lebenserinnerungen erzählt sie, daß Gustav Freitag sie um Hilfe gebeten habe. Gustav Freitag hatte Henriette Fürth in ihrer Funktion als Leiterin der Frankfurter Rechtsschutzstelle für Frauen angesprochen, einer Beratungsstelle für Frauen in Rechtsfragen, die auf Initiative der Frankfurter Vorsitzenden des bürgerlichen Allgemeinen Deutschen Frauenvereins eingerichtet worden war. Die um Hilfe ersuchte Henriette Fürth brachte die Wäscherinnen und ihre Arbeitgeber zunächst zu einem Gespräch zusammen, das jedoch aufgrund der ablehnenden Haltung der Wäschereibesitzer ergebnislos verlief. Daraufhin setzte sich Henriette Fürth mit dem Vorstand der Frankfurter Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins in Verbindung. Offenbar platzte sie kurzerhand in eine Vorstandssitzung und forderte von den Versammelten, den Neu-Isenburger Wäscherinnen zu helfen. In ihren Lebenserinnerungen schildert sie ihren forschen Auftritt:

„Das Wesentliche war, darüber war ich mir vom ersten Augenblick an klar, den Austrag des Streites auf Frankfurt zu übertragen, denn von der Stellung der Frankfurter Hausfrauen, der Kundinnen der Neu-Isenburger Wäschereien, hing alles ab. Wie aber diese Kreise interessieren und heranbringen? Kurz entschlossen ging ich als Vorsitzende der Rechtsschutzstelle für Frauen in eine Sitzung des Frankfurter Frauenvereins und forderte die Delegierten auf, gemeinsam mit mir den Kampf gegen die Isenburger Wäschereibesitzer aufzunehmen. Man war bedenklich – machte Einwendungen – die Sache schien verloren, denn ich allein hätte nichts ausrichten können. Da spielte ich va banque: ‚meine Damen, wenn Sie die Sache nicht mit mir zusammen machen wollen, mache ich sie allein‘ – das wollte man nun doch nicht, denn sie hielten mich für stärker als ich war. So stimmte man zu.“

Die Vorstandsmitglieder des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins mußten demnach heftig gedrängt werden, bevor sie sich entschlossen, den Arbeiterinnenstreik zu unterstützen. Eine spontane und begeisterte Anteilnahme wäre auch nicht zu erwarten gewesen, denn die bürgerlich-liberale Frauenbewegung und die proletarische Frauenbewegung arbeiteten nebeneinander und verfolgten unterschiedliche, von der gesellschaftlichen Stellung der Mitglieder her bestimmte Ziele: Die Arbeiterinnen stritten als Teil der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung mit einem revolutionären, klassenkämpferischen Ansatz für bessere Arbeitsbedingungen und politische Rechte. Dagegen konzentrierten sich die bürgerlichen Frauenorganisationen – ohne parteipolitische Anbindung – auf die Verbesserung der schulischen und beruflichen Bildung von Frauen und auf ihre rechtliche Gleichstellung. Streiks waren ein Kampfmittel der Arbeiterbewegung und kein Werkzeug zur Durchsetzung der Emanzipationsbestrebungen in der bürgerlichen Frauenbewegung. Die aus bürgerlichem Elternhaus stammende Sozialdemokratin Henriette Fürth versuchte während des Wäscherinnenstreiks nicht zum ersten Mal, zwischen beiden Richtungen zu vermitteln und Frauen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten zur Zusammenarbeit zu bewegen.
Am 13. Mai veröffentlichten die Rechtsschutzstelle für Frauen, das Institut für Gemeinwohl und der Allgemeine Deutsche Frauenverein Frankfurt in der „Kleinen Presse“ einen gemeinsamen Aufruf an die wohlhabenden Frankfurter. Darin baten sie um Solidarität und materielle Unterstützung für die Neu-Isenburger Wäscherinnen. Die Redaktion der „Kleinen Presse“ erklärte sich bereit, Spenden entgegenzunehmen.

Die Sammlung erbrachte insgesamt 340 Mark. Damit konnte den Wäscherinnen vorübergehend geholfen werden. Allerdings blieb der gleichzeitig erfolgte Appell zum Einlenken an die Neu-Isenburger Arbeitgeber ohne Echo.
Ein besonderer Konfliktpunkt bei den Vermittlungsbemühungen war die Forderung nach Bezahlung der Überstunden. Angesichts der großen Anzahl der geleisteten Überstunden wäre deren Vergütung die Wäschereibesitzer teuer zu stehen gekommen. So lehnten sie es strikt ab, über diesen Punkt auch nur mit den Wäscherinnen zu sprechen.

Ein Dorn im Auge der Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen war der gewerkschaftliche Zusammenschluß der Wäscherinnen. Die Wäschereibesitzer agitierten gegen den „Allgemeinen Frauen- und Mädchenverein“ als einer gesetzwidrigen politischen Frauenorganisation. Als Voraussetzung für Verhandlungen verlangten sie den Austritt der Arbeiterinnen aus dem Verein. Im Gegenzug stellten sie den Streikenden eine gütliche Einigung in direkten Einzelgesprächen in Aussicht. Die Schuld an dem Ausstand, so zitiert die „Kleine Presse“ die Wäschereibesitzer,
„trügen nicht die Arbeiterinnen […] sondern die Anführer, die sie aufwiegelten. Wenn man sich nicht einige, so sei Schuld daran, daß sich die Arbeiterinnen nicht direkt mit ihren Arbeitgebern in Verbindung setzten, sondern sofort in den Ausstand traten.“

Die Arbeiterinnen aber hatten ihre Verhandlungsniederlage vom Frühjahr 1896 nicht vergessen. Die Aufforderung, den „Frauen- und Mädchenvereins“ zu verlassen, blieb deshalb ohne die von den Arbeitgebern gewünschte Resonanz und führte lediglich zu einer weiteren Verhärtung der Fronten.
Als nach sechswöchigem Streik keine Einigung in Sicht war, berief der „Allgemeine Deutsche Frauenverein“ am 25. Mai in Frankfurt eine Versammlung ein, in der Henriette Fürth über die aktuelle Situation Bericht erstattete und folgende Resolution zur Verabschiedung vorschlug:
„In Erwägung, daß die Isenburger Wäschereibesitzer sich gegen die gerechtfertigten und bescheidenen Forderungen ihrer Arbeiterinnen ablehnend verhalten, ja sogar erklärt haben, keine Ausständige mehr beschäftigen zu wollen […] beschließt die Versammlung die Isenburger Arbeiterinnen durch Zuwendung von Geldmitteln zu unterstützen. Sie beschließt ferner, durch gütliche Vorstellungen, nötigenfalls durch Entziehung der Kundschaft ihren Einfluß auf die Wäschereibesitzer dahin geltend zu machen, daß diese sich bereit erkären, mit einer einzusetzenden Untersuchungskommission zu verhandeln beziehungsweise dem Schiedsspruch eines Einigungsamtes sich zu unterwerfen.“

Das Risiko dieser Boykottdrohung war für die Neu-Isenburger Wäscherinnen groß. Warnend hatte Philipp Stein zuvor Henriette Fürth die Frage gestellt:
„Entweder alles oder nichts“ das gilt auch für die Parteinahme Ihres Vereins. Und sind Sie in Ihrem Verein stark genug, um „alles“ zu erreichen?
Wären die Frankfurter Kundinnen tatsächlich ausgeblieben, hätten viele Wäscherinnen in Neu-Isenburg ihren Arbeitsplatz auf Dauer verloren. Aber die Aktion bedrohte auch die Wäschereibesitzer und ihre Familien in ihrer Existenz. Noch während der Versammlung zeigten die Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen deshalb erstmals Verhandlungsbereitschaft. Zwei Tage später, am 27. Mai, setzten sie sich mit den Streikenden an einen Tisch. Je 6 Vertreter und Vertreterinnen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmerinnen, sowie je eine Abordnung der Frankfurter Rechtsschutzstelle für Frauen und des Instituts für Gemeinwohl verhandelten unter dem Vorsitz des Neu-Isenburger Bürgermeisters Jacob Pons. Die Vertreterinnen der streikenden Frauen waren Helene Engel, Marie Gerhardt, Elise Streb, Dorothea Streb, Frau Heinrich Gerhardt und Dorothea Kuhn. Auf der Seite der Arbeitgeber verhandelten 5 Männer und eine Frau: Anton Schickedanz Witwe, Franz Friedrich Schäfflein, Christian Hickler, Christian Völker, Philipp Schmidt IV. und Jakob Müller. Nach einer stürmischen Sitzung kam man schließlich überein, das Gewerbegericht Offenbach als Vermittlungsstelle anzurufen und sich seinem Urteil zu beugen.
Kaum eine Woche später, am 1. Juni 1897, fand der Wäscherinnenstreik nach sieben Wochen sein offizielles und für die Wäscherinnen erfolgreiches Ende. Vor dem Gewerbegericht für den Landbezirk des Kreises Offenbach unterzeichneten beide Parteien die offizielle Vereinbarung zur Beendigung des Streiks. Die wichtigsten Forderungen der streikenden Frauen wurden darin erfüllt.

Im Vergleich zu anderen Streiks im wilhelminischen Kaiserreich am Ende des 19. Jahrhunderts fällt auf, daß in Neu-Isenburg an keiner Stelle Polizeibeamte in Erscheinung traten, um die Versammlungen des „Allgemeinen Frauen- und Mädchenvereins“ zu observieren. Die Obrigkeit stellte sich nicht, wie in anderen überlieferten Fällen , auf die Seite der Arbeitgeber, um Druck auf die Streikenden auszuüben. Die Vertreter der Gemeinde und des Großherzogtums Hessen, allen voran der Neu-Isenburger Bürgermeister Jacob Pons und Kreisrat Friedrich Haas, nahmen vielmehr die Position von Vermittlern ein.
Sichere Aussagen über Polizeiaktivitäten sind nicht möglich, denn die Akten der großherzoglichen Polizei für den Westkreis Offenbach wurden während des Zweiten Weltkriegs durch Bomben vernichtet. Da sich jedoch auch in keinem einzigen Zeitungsartikel ein Hinweise auf polizeiliche Überwachung, Versammlungsauflösungen oder Zensurversuche findet, kann man davon ausgehen, daß polizeiliche Observationen oder Einschüchterungsversuche nicht vorgenommen wurden. Diese Praxis, die im Gegensatz zum weit rigideren Vorgehen der Polizei gegen Vereinigungen von Arbeiterinnen im preußischen Frankfurt stand, ist ein Hinweis auf die vergleichsweise große politische Liberalität in Hessen unter Großherzog Ernst Ludwig.

Henriette Fürth zog aus dem Neu-Isenburger Wäscherinnenstreik noch einen ganz persönlichen Triumph. 1896 hatte sie in der Zeitschrift „Die Gleichheit“ mit Clara Zetkin, der Exponentin der proletarischen Frauenbewegung, einen Schlagabtausch um die Frage geführt, ob eine Zusammenarbeit zwischen sozialistischer und bürgerlicher Frauenbewegung sinnvoll sein könne . Henriette Fürth setzte sich Zeit ihres Lebens für ein solches Zusammenwirken ein. Clara Zetkin lehnte es aus grundsätzlichen weltanschaulichen Überlegungen heraus ebenso vehement ab. Nach dem Ende des Wäscherinnenstreik stellte Henriette Fürth mit Befriedigung fest:
„An der erfolgreichen Beendigung des Ausstandes haben Frauen des Frankfurter Bürgerthums einen vollen Antheil gehabt. Kein Prinzip brauchte darum verwässert, kein Standpunkt aufgegeben zu werden, auch wurde der politische Besitzstand keiner Partei bedroht. Damit ist der Beweis erbracht, daß Angehörige verschiedener Gesellschaftsschichten sich unbeschadet ihres politischen Glaubensbekenntnisses in gewissen Grenzen zu sozialem Wirken zusammenfinden können.“

6. Nach dem Streik

Der Streik hatte für alle Beteiligten langfristige Folgen: 50 Wäscherinnen, die gestreikt hatten, waren noch Wochen nach Beendigung des Ausstandes arbeitslos. Die Wäschereibesitzer hatten eine Reihe von Kunden verloren. Von Arbeitgeberseite wurde der Schaden des Streiks für die Neu-Isenburger Wäschereien mit wöchentlich 1500 bis 2000 Mark angegeben. Mehrere Betriebe mußten aufgegeben oder verkleinert werden. Ein Teil der arbeitslosen Wäscherinnen verließ Neu-Isenburg über die Sommermonate, um in Badeorten Saisonarbeit anzunehmen, andere arbeiteten nun ausschließlich im Stickereigewerbe. Die übrigen wurden vorübergehend von der „Rechtsschutzstelle für Frauen“ aus Spenden unterstützt. In der Frankfurter Frauenbewegung setzte man sich für ihre baldige Wiedereinstellung und bot deshalb auch den Wäschereien Hilfe an. Die Rechtsschutzstelle erließ einen Presseaufruf zur Unterstützung der Wäschereien.

Der bereits erwähnte Professor Philipp Stein hatte während des Streiks in einem Brief an Henriette Fürth gemutmaßt, daß auch ein erfolgreich abgeschlossener Ausstand die Arbeitsbedingungen im Neu-Isenburger Wäschereigewerbe nicht nachhaltig bessern würde. Solange sich die hauswirtschaftlichen Strukturen in diesem Handwerk nicht grundsätzlich änderten, so der Fachmann aus dem Institut für Gemeinwohl, ließen sich auch die Probleme nicht aus der Welt schaffen, die zum Streik geführt hätten. Philipp Stein sollte recht behalten. Auch nach Abschluß des Arbeitskampfes beachteten längst nicht alle Arbeitgeber die ausgehandelten Vereinbarungen. So ergab eine Revision der Großherzoglichen Gewerbeinspektion Offenbach im Dezember 1909, daß in 11 von 16 überprüften Wäschereien noch abends um 20.30 Uhr gearbeitet wurde und daß in diesen Wäschereien widerrechtlich Lehrmädchen beschäftigt waren, die jünger waren als 16 Jahre. Der Gewerbeinspektor forderte den Neu-Isenburger Bürgermeister im Anschluß an die Inspektion auf, Anzeige gegen die Inhaber der Wäschereien zu erstatten.
Auseinandersetzungen um die Arbeitsbedingungen in den Wäschereien lassen sich bis in die Weimarer Republik weiterverfolgen. So trafen sich die Wäscherinnen beispielsweise am 24. März 1919 unter der Leitung des sozialdemokratischen Ortsvereinsvorsitzenden Georg Koser zu einer Besprechung, um über Maßnahmen gegen die Überschreitung der festgelegten Arbeitszeiten in Neu-Isenburger Wäschereibetrieben zu beraten.

Der „Allgemeine Frauen- und Mädchenverein“ bestand als Vertretung der Neu-Isenburger Wäscherinnen noch über die Jahrhundertwende hinaus. Er rief die weibliche Bevölkerung zu politischen und gewerkschaftlichen Veranstaltungen und zur Mitsprache in der Sozialpolitik auf. Insbesondere machte sich der Verein für die Einrichtung einer Ortskrankenkasse stark. Eine der führenden Persönlichkeiten des Streiks, Marie Bartel, wurde 1904 als Vertreterin der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in die Generalversammlung der neu gegründeten Ortskrankenkasse gewählt.

Nach der Änderung des Vereinsrechts und der Aufhebung des Verbots organisierter politischer Tätigkeit für Frauen im Jahr 1908 ging der Verein im „Fabrikarbeiterverband, Sektion der Wäschereiarbeiter“ , auf. Während der Weimarer Republik stand ihm als Interessenvertretung der Arbeitgeber der „Verein der Wäschereibesitzer Neu-Isenburg“ gegenüber.

7. Zur historischen Bedeutung und zur Rezeption des Streiks

Der Arbeitskampf der Neu-Isenburger Wäscherinnen und Büglerinnen vom Frühjahr 1897 war nicht, wie Henriette Fürth in ihren Lebenserinnerungen angibt, der erste allein von Frauen getragene Arbeiterinnenstreik in Deutschland. Schon ein Jahr zuvor, im Frühjahr 1896, waren z.B. die Kaffeeverleserinnen im Hamburger Hafen in den Ausstand getreten. Im Gegensatz zu den Hamburger Arbeiterinnen aber hatten die Neu-Isenburger Wäscherinnen Erfolg und konnten ihre Unterschrift unter ein Dokument setzen, das die Erfüllung ihrer wichtigsten Forderungen versprach.
Der Neu-Isenburger Wäscherinnenstreik erlangte überregionale historische Bedeutung, aber nur kurzfristig eine dieser Bedeutung entsprechende öffentliche Aufmerksamkeit. Neu-Isenburg ging nach dem Ende des Streiks bald wieder zum Alltag über. Die Wäscherinnen hatten ihre Ziele erreicht. Die meisten waren nun nicht weiter politisch aktiv, sondern konzentrierten sich erneut auf ihren nach wie vor harten Arbeitsalltag. Angesichts der engen familiären und sozialen Verflechtungen zwischen den Wäscherinnen und ihren Arbeitgebern den ehemaligen Streikparteien möglichst bald zu einer harmonischeren Zusammenarbeit zurückzukehren wollten. Auch die lokale Arbeiterbewegung zeigte kein Interesse daran, den erfolgreichen Arbeitskampf werbewirksam für sich zu nutzen und die Erinnerung daran wachzuhalten. Sie hatte sich während des Streiks auf die Seite der Wäscherinnen gestellt, bemühte sich aber nun, die Wogen rasch zu glätten, um die Wäschereibesitzer unter ihren Anhängern nicht noch weiter zu verärgern. In Neu-Isenburg geriet der Streik der Wäscherinnen und Büglerinnen deshalb beinahe in Vergessenheit. Ein wichtiges Kapitel lokaler Frauengeschichte und ein Stück Sozialgeschichte der Region drohte dabei verloren zu gehen.

Jenny Sattler-König war ein halbes Jahrhundert nach dem Ausstand die erste, die ein breites Publikum auf den Wäscherinnenstreik aufmerksam machte. In einer Radiosendung des Hessischen Rundfunks, die im Juni 1959 ausgestrahlt wurde, rekonstruierte sie die Ereignisse. Jenny Sattler-König blieb lange Zeit die einzige, die die Erinnerung an den Streik in die Öffentlichkeit trug.

Das entschlossene und mutige Handeln der Neu-Isenburger Arbeiterinnen und ihr festes Zusammenstehen in der schwierigen Situation des Arbeitskampfes setzte Zeichen in der Frauenbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Der Streik der Wäscherinnen und Büglerinnen ist es daher wert, als bedeutendes historisches Ereignis festgehalten zu werden.

Hugenotten und Waldenser im südlichen Hessen
von Dr. Barbara Dölemeyer

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In Bad Karlshafen in Nordhessen befindet sich das Deutsche Hugenotten-Zentrum mit Archiv, Bibliothek und der Geschäftsstelle der Deutschen Hugenottengesellschaft. Aber auch in Südhessen gibt es zahlreiche Orte, die auf Hugenotten- bzw. Waldensersiedlungen zurückgehen. Die Flucht der Hugenotten aus Frankreich im Zusammenhang mit dem Widerruf des Toleranzedikts von Nantes 1685 und die Vertreibung der Waldenser aus ihren Heimatorten in den Bergtälern Piemonts und Frankreichs nach 1698 gehören zu den großen Wanderungsbewegungen aus religiösen Gründen, eine Migration, die sich über nahezu das gesamte protestantische Europa und bis nach Amerika und Südafrika erstreckte.1999 gab es vor allem in Hessen (wie auch in Württemberg) zahlreiche Gedenkveranstaltungen, die an die Gründung der Waldenserkolonien Waldensberg, Walldorf, Rohrbach-Wembach-Hahn und Dornholzhausen im südlichen Hessen erinnerten. Auch Neu-Isenburg wurde 300 Jahre alt. Der Vortrag behandelt die Aufnahme der Glaubensflüchtlinge in den deutschen Territorien des 16. und 17. Jahrhunderts und zeigt dann, wo in im Rhein-Main-Gebiet und im südlichen Hessen protestantische Flüchtlingsgemeinden gegründet wurden und welche Spuren davon heute noch zu finden sind.

Das Ereignis der protestantischen Auswanderung aus Frankreich nach dem Widerruf des Toleranzedikts von Nantes 1685 ist seit 1985 durch verschiedene Gedenktage in das öffentliche Bewußtsein gerückt worden: Ich erwähne nur das große Hugenotten-Gedenkjahr 1985 und die zahlreichen Gedenktage der Gründung von deutschen Hugenotten- und Waldensergemeinden in den folgenden Jahren. Im Jahr 1999 gab es vor allem in Hessen (wie auch in Württemberg) zahlreiche Gedenkveranstaltungen, da 1699 mehrere Waldenserkolonien (wie Waldensberg, Walldorf, Rohrbach-Wembach-Hahn und Dornholzhausen) im südlichen Hessen, gegründet wurden. Auch Neu-Isenburg wurde 300 Jahre alt. In Nordhessen gab es ebenfalls 1999 einige Jubiläen von Hugenottengemeinden: Sieburg, das heutige (Bad) Karlshafen, feierte seine 300-Jahrfeier. Im Gefolge dieser Jahrestage sind auch viele neuere Untersuchungen publiziert worden. Bad Karlshafen ist geographisch die nördlichste der Hugenotten- und Waldensersiedlungen in Hessen, die kleine Stadt an der Weser ist aber von zentraler Bedeutung nicht nur für die hessischen, sondern für alle deutschen Hugenotten-Nachkommen. Hier befindet sich das Deutsche Hugenotten-Zentrum, mit Museum, Archiv und Geschäftsstelle der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft.

Zur Einleitung einige vergleichende Bemerkungen über die drei großen Auswanderungswellen, die der niederländischen Exulanten zu Ende des 16. Jahrhunderts und die der Hugenotten und Waldenser nach 1685 bzw. 1699, und einiges über die Aufnahme der Glaubensflüchtlinge in den deutschen Territorien des 16. und 17. Jahrhunderts. Dann ist zu zeigen, wo in unserer näheren Umgebung – im Rhein-Main-Gebiet und im südlichen Hessen protestantische Flüchtlingsgemeinden gegründet wurden und welche Spuren davon heute noch zu finden sind.

I. Zum Begriff „Hugenotten“

Auf diesen ist nicht im Detail einzugehen. Die Belege für die Begriffsverwendung sind ausführlich dargestellt in dem zusammenfassenden Werk von Johannes E. Bischoff, „Lexikon deutscher Hugenottenorte“. Die in der Hugenottenforschung heute herrschende Begriffsverwendung ist wohl die, die sich von einem Schreckgespenst namens Hugon (le Roy Huguet) ableitet, das sich in den nächtlichen Straßen von Tours herumtrieb, dort wurden (1553) die Anhänger Calvins, die sich nur im Schutze der Dunkelheit versammeln konnten, so verspottet. Schon etwa seit 1560 wurde die davon abgeleitete Bezeichnung „huguenots“ allgemein für reformierte Franzosen gebraucht. Jedenfalls ist zu betonen, daß der Ausdruck „Hugenotten“ zuerst immer eine Fremdbezeichnung war, also von den Gegnern als Schimpfwort gebraucht wurde und daß sich die Hugenotten-Nachkommen selbst erst im 18. und besonders im 19. Jh. in Deutschland – dann aber positiv gemeint – so bezeichneten. Man versteht heute unter Hugenotten (i.w.S.) auch protestantische Gruppen wie vor allem die französischen und savoyischen Waldenser, die flämischen Niederländer und die Wallonen, die eine andere Geschichte haben, die aber im 17. und 18. Jh. das Schicksal der französischen Reformierten teilten. Die Waldenser waren Angehörige einer frühreformatorischen Bewegung, die nach dem Lyoner Kaufmann Waldes oder Valdus benannt ist. Sie schlossen sich im 16. Jahrhundert der Reformation schweizer Prägung in französischer Sprache an (Synode von Chanforan 1532) und bildeten die sog. „Eglise vaudoise“. Sie wurden in der Folge der Religionskriege des 17. Jahrhunderts aus ihren savoyischen und französischen Heimattälern vertrieben.

II. Reformierte in den Niederlanden und in Frankreich im 16. und 17. Jh.

Der Zuzug von Protestanten aus den spanischen Niederlanden vor allem nach England und Deutschland als Teil einer großen Flüchtlingsbewegung, die durch die Gegenreformation ausgelöst wurde, war sicher neben der Hugenotten- und Waldensereinwanderung des 17. Jahrhunderts der wichtigste Strom dieser Bewegung. Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, daß die Niederländer zu einer Zeit ins Exil gingen, als der Verlauf der konfessionellen Grenzen noch nicht fixiert war und vor allem, als das Verhältnis zwischen Lutheranern und Reformierten noch nicht durch die Reichsgesetzgebung rechtlich klargestellt war. Zu bemerken ist, daß der Augsburger Religionsfrieden von 1555 nicht für die Reformierten galt. Erst der Westfälische Frieden von 1648 bezeichnete als anerkannte Konfessionen Katholiken, Lutheraner und Reformierte.

Seit dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts hatte der Protestantismus auch in Frankreich zahlreiche Anhänger gefunden, hier besonders nach der Lehre des französischen Reformators Jean Calvin, der in Genf lehrte und aus der Stadt eine protestantische Hochburg gemacht hatte. Bereits 1559 auf der ersten reformierten Generalsynode in Paris war die kirchliche Organisation dieser religiösen Minderheit soweit gefestigt, daß die beiden grundlegenden Dokumente verabschiedet werden konnten, die für lange Zeit bestimmend blieben: die Kirchenordnung (discipline ecclésiastique) und das Glaubensbekenntnis, die Confessio Gallicana (confession de foi). Diese Prinzipien galten für die Calvinisten auch im Refuge weiter; sie wurden großteils in die Aufnahmeprivilegien der deutschen Landesherren übernommen. Die Kirchenverfassung war bekanntlich gekennzeichnet durch weitgehende Selbstverwaltung der Gemeinden und durch starke Beteiligung der Laien. Diese Elemente blieben auch für die Strukturen der späteren Flüchtlingsgemeinden in Deutschland von Bedeutung.

Anfang der vierziger Jahre des 16. Jahrhunderts drang der Calvinismus von Frankreich und Genf her in die Niederlande ein und gewann rasch Anhänger. Die Verfolgungen des Protestantismus in diesen Gebieten und der niederländische Freiheitskampf hatten Fluchtbewegungen nach England und Deutschland (Niederrhein) zur Folge. Betroffen waren neben – relativ wenigen – Lutheranern (vor allem aus Antwerpen) zwei nach Sprache unterschiedliche Gruppen von Reformierten, französisch sprechende Wallonen (aus dem Artois, Hennegau, Lüttich) und flämisch sprechende, meist als Niederländer Bezeichnete (aus Flandern und Nordbrabant). Für die Rhein-Main-Region war die Zuwanderung dieser Wallonen und Flamen um die Mitte des Jahrhunderts vor allem nach Frankfurt am Main von Bedeutung, welche nach Regierungsantritt Marias der Katholischen aus England geflohen waren.

Unter den niederländischen Flüchtlingen befanden sich viele wohlhabende Kaufleute, Gewerbetreibende und Handwerker, die moderne Gewerbe und Erzeugungen aus den wirtschaftlich fortgeschrittenen Niederlanden in ihre neue Heimat brachten und damit auch deren Wirtschaftskraft verstärkten, wie sich das besonders auch für die Reichsstadt Frankfurt bemerkbar machte. So waren es neben Aspekten religiöser Unterstützung vor allem wirtschaftliche Hintergründe, die für die Aufnahme von Fremden und die Erlaubnis zur Gründung von Fremdengemeinden beitrugen.

Die Protestanten in Frankreich organisierten sich nicht nur als Kirche, sondern parallel dazu auch als politische Gruppe (Partei). Vor allem seit etwa 1560 kam es zu Konflikten zwischen den Hugenotten und der französischen Staatsreligion des Katholizismus, bzw den sie tragenden Schichten. 8 Bürgerkriege zwischen 1562 und 1598, die sog. Hugenottenkriege, überzogen das Land Auf Verbindungen zwischen den französischen Hugenotten und den Protestanten, die unter der Führung Wilhelms von Oranien im niederländischen Freiheitskampf fochten, ist hier ebenfalls hinzuweisen. 1598 erließ König Heinrich IV. das Friedensedikt von Nantes, das den Protestanten Gewissensfreiheit und die öffentliche Glaubensausübung an bestimmten Orten gewährte. Doch auch im 17. Jh. blieb der Konflikt bestehen; unter der Regierung Ludwigs XIV., der die katholische Glaubenseinheit in Frankreich wiederherstellen wollte („un roi, une loi, une foi“) setzten die Hugenottenverfolgungen verstärkt wieder ein und gipfelten schließlich im Widerruf des Toleranzedikts von Nantes im Oktober 1685: Reformierte Gottesdienste wurden verboten, Pfarrer, die nicht konvertierten, wurden außer Landes verwiesen, für die Glaubensangehörigen dagegen wurde ein Auswanderungsverbot erlassen, die noch existierenden Kirchen (temples) zerstört. Dieses Edikt bildete den unmittelbaren Anstoß zur einer großen Auswanderung französischer Protestanten aus Frankreich und den unter französischen Einfluß gelangten Gebieten, eine Migration, die sich über nahezu das gesamte protestantische Europa und bis nach Amerika und Südafrika erstreckte.

Zahlreiche protestantische deutsche Landesherren erklärten sich zur Aufnahme der Réfugiés, der verfolgten Glaubensgenossen, bereit, besonders natürlich solche, die der reformierten Religion angehörten. Außerdem fanden die Réfugiés Hilfe und Aufnahme in den bereits seit dem 16. Jh. existierenden reformierten Gemeinden, in unserem Gebiet vor allem den niederländischen und wallonischen, zum Beispiel in Hanau und Frankfurt am Main.

Die Geschichte der Aufnahme der Hugenotten ist aber auch im größeren Zusammenhang einer Kolonisationspolitik der jeweiligen Landesherren zu sehen. Die infolge des 30jährigen Kriegs dezimierte Bevölkerung sollte vergrößert werden, die wirtschaftliche Kraft gestärkt, neue Gewerbe und Manufakturen angesiedelt werden. Gerade Leute, die auch von ihrem Beruf und ihren Kenntnissen her interessant waren, neue Arbeitskräfte, neue Fertigkeiten in Industrie und Gewerbe, das war gefragt. Dabei soll nicht behauptet werden, religiöse Beweggründe hätten für die Landesherren eine untergeordnete Rolle gespielt. Für die Hugenottenaufnahme im 17. Jh. wie schon für die Aufnahme niederländischer Exulanten im 16. Jh. waren beide Gesichtspunkte von Bedeutung: Solidarität mit verfolgten Glaubensgenossen, wirtschaftliche Gründe; zusätzlich spielten machtpolitische Motive mit.

Skizze der reformierten Kirchenverfassung wie sie im wesentlichen bereits auf der Pariser Synode von 1559 in der Discipline ecclésiastique festgelegt worden war:

Gleichberechtigung innerhalb der Gemeinde. Das Consistoire (Presbyterium) aus den Anciens (Ältesten), den Diacres (für karitative Aufgaben) und dem Pasteur (ministre), aus der Mitte der Gemeinde, der Hausväter, gewählt. Aus den Consistoires wird in die Synoden delegiert, auf lokaler Ebene (Colloque), auf regionaler (Synode provincial), dann nationaler Ebene (synode national). Dazu ist allerdings zu sagen, daß im Refuge, in den deutschen Aufnahmeländern die Landesherren eher restriktiv verfuhren, was Synoden betrifft. Eine starke Kirchenorganisation hätte in die Rechte der Landeskirche eingegriffen.

Reformierte Flüchtlingsgemeinden in Hessen

Siedlungen von Exulanten und Réfugiés in der Rhein-Main-Region:

Frankfurt am Main
In Frankfurt am Main ließen sich bereits in der Mitte des 16. Jahrhunderts etliche protestantische, vor allem reformierte Familien nieder, die aus den Niederlanden geflohen waren. 1554 wurde unter der Leitung von Valérand Poullain (Valerandus Pollanus) eine wallonische Gemeinde gegründet, 1555 folgte eine flämische (deutsch-reformierte) unter Johannes a Lasco (Lasko, Lasky). Im nächsten Jahr werden die beiden heute noch bestehenden Frankfurter Gemeinden, die Französische-reformierte und die deutsch-reformierte gemeinsam ihre Jubiläen begehen.

Johannes a Lasco.
Begründer der ersten flämischen Flüchtlingsgemeinde in Frankfurt am Main 1555
Beiden gestattete der Frankfurter Rat – dem Zuzug Gewerbetreibender und Handelsleute aufgeschlossen – zunächst die öffentliche Religionsausübung in der Weißfrauenkirche.

Bald aber kam es zu Streitigkeiten, zum einen mit der streng lutherischen Geistlichkeit, die der Ausbreitung der calvinistischen Lehre wehren wollte, zum anderen mit den eingesessenen Handwerkern und Kaufleuten, die starke wirtschaftliche Konkurrenz fürchteten und die Fremden in ihr Zunftsystem eingegliedert sehen wollten. Nach etlichen Auseinandersetzungen setzten sich schließlich die orthodoxen Prediger durch und 1561 verbot der Frankfurter Rat den Fremden den öffentlichen Gottesdienst nach ihrem Modus. Als sich die Bemühungen um Rücknahme des Verbots als vergeblich erwiesen, ging ein Teil der Familien unter der Führung ihres Predigers Petrus Dathenus in die Kurpfalz, wo Frankenthal und andere Siedlungen in der Umgebung entstanden. Trotz des Abzugs in die Pfalz wuchs die niederländische Gemeinde in Frankfurt in den folgenden Jahren durch Zuzug – vor allem nach dem Fall Antwerpens im August 1585 – wieder an; zwischen 1585 und 1595 hielten sich nach neueren Berechnungen ca. 4.000 Exulanten in Frankfurt auf. Als aber unter dem Einfluß des lutherischen Predigerkollegiums und der Handwerkerschaft weitere Verschärfungen beschlossen wurden, ging eine Teil der reformierten Familien nach Hanau. Dazu sogleich

Die in Frankfurt Verbleibenden konnten vor dem Bockenheimer Tor auf hanauischem Gebiet, eine hölzerne Kirche errichten, die allerdings 1608 abbrannte.

Die Reformierten waren wirtschaftlich sehr erfolgreich, sie hatten große Handelshäuser, Banken und betrieben Gewerbe und Manufakturen (diese allerdings nicht in Frankfurt selbst, sondern außerhalb, etwa in Höchst). In der orthodox lutherisch beherrschten Stadt Frankfurt hatten sie aber – ebenso wie die Katholiken und die Juden – keine politischen Rechte und waren auch in der Religionsausübung weiterhin lange Zeit sehr eingeschränkt. Sie mußten – wie erwähnt – zum Gottesdienst außerhalb der Mauern Frankfurts, ins hanauische Bockenheim gehen. 1768 wurde das dortige baufällig geworden Kirchlein durch einen Steinbau ersetzt
Erst durch das sog. Willfahrungsdekret von 1787 wurde den Reformierten erlaubt, in Frankfurt eigene Bethäuser zu errichten, allerdings ohne Turm und Glocke. Aber Taufen und Trauungen durften weiterhin nicht vorgenommen werden. Die wirkliche Gleichberechtigung erhielten erst 1806 und zwar durch einen Katholiken: den Fürstprimas Carl von Dalberg, der in der Rheinbundzeit dem Großherzogtum Frankfurt eine moderne Staatlichkeit brachte. 1820 errichteten die beiden reformierten Gemeinden ein evangelisch-reformiertes Konsistorium.

Die französisch-reformierte Kirche am Goetheplatz wurde im Krieg zerstört. Heute befindet sich die Gemeinde in der Eschersheimer Landstraße 393.

In der Zeit nach dem Widerruf des Edikts von Nantes 1685, als viele Réfugiés nach Deutschland kamen, war Frankfurt die „Drehscheibe des Refuge“: hier erhielten die Flüchtlinge Unterstützung, hier trafen sie auch die Vertreter der aufnahmebereiten Landesherren und wurden über deren Privilegienzusagen informiert, zum Teil gleich angeworben und weitergeleitet.

Eine wichtige Quelle sind die sogenannten Distributionslisten, Verzeichnisse der durchreisenden Flüchtlinge und der Geldbeträge, die sie erhielten, sie sind heute für die Hugenottenforschung speziell, aber auch für die genealogische Forschung im allgemeinen sehr interessant. Denn hier wird auch das Woher und Wohin der Flüchtlinge vermerkt, evtl. Beruf und Familie. Zwischen 1685 und 1705 wurden über 97.000 Flüchtlinge unterstützt.

Hanau
Die Gründer der Wallonisch-Niederländischen Gemeinde waren in der Mehrzahl – wie erwähnt – Reformierte, die wegen der Auseinandersetzungen mit Rat und Predigerministerium Frankfurt verließen und sich um anderen Aufenthalt bemühten. Graf Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg schloß nach längeren Verhandlungen am 1.6.1597 mit den Emigranten einen Vertrag, die sog. „Hanauer Capitulation“, die (zus. mit dem sog. Transfix von 1601) als Gründungsdokument der Hanauer Neustadt betrachtet wird. In dieser Kapitulation wird ihnen die freie Religionsausübung zugesagt.

Das Protokollbuch der Hanauer Gemeinde beginnt bereits 1594, da sich schon vor der großen Ansiedlung einige reformierte Familien in Hanau niedergelassen hatten und dort französisch-sprachigen Gottesdienst abhalten durften.

1608 fand der erste Gottesdienst in der Doppelkirche statt, deren großer Innenraum der Wallonischen und deren kleinerer der Niederländischen Gemeinde diente. Die Kirche wurde 1945 völlig zerstört; 1960 wurde der wiederaufgebaute niederländische Teil der ehemaligen Doppelkirche eingeweiht.

17. Jh.: Hugenotten- und Waldensersiedlungen

Das wichtigste Aufnahmeland für Hugenotten, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes nach Deutschland kamen, war Brandenburg-Preußen. Ein großer Teil wurde aber auch vom Landgrafen von Hessen-Kassel aufgenommen, der wie der Große Kurfürst dem reformierten Bekenntnis angehörte. Von den ca. 7700 Réfugiés, die zwischen 1678 und 1730 nach Hessen kamen, ließ sich etwa die Hälfte (ca 4.000) in Hessen-Kassel nieder; aber es kamen auch ebenso viele nach Südhessen, d.h. vor allem in das Rhein-Main-Gebiet: in die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt und in die kleineren Fürstentümer wie Hessen-Homburg, Nassau-Usingen, die Isenburgischen Grafschaften; auch nach Hanau und Frankfurt am Main kamen neue Flüchtlinge.
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Hessen-Kassel 4.000
Übriges Hessen: 3.700 (2.400)
[Hessen-Darmstadt, 400
Hessen-Homburg, 400
Isenburgische Grafschaften, 520
Solms, 220
Nassau, ?
Hanau] 800
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Die Isenburgischen Grafschaften

Zwei Linien des Hauses Isenburg waren an dieser Aufnahme beteiligt: Johann Philipp Graf zu Isenburg und Büdingen, aus der Linie Offenbach-Birstein, erteilte den Réfugiés Privilegien für die Ansiedlung in Offenbach und für die Neugründung von Neu-Isenburg. Ferdinand Maximilian Graf zu Isenburg und Wächtersbach nahm Waldenser auf und gründete Waldensberg.

Johann Philipp Graf zu Isenburg und Büdingen (1655-1718),
(1655-1718), Urenkel des Grafen Wolfgang Ernst I., der ab 1596 das reformierte Bekenntnis in seinem Land eingeführt hatte. Johann Philipp residierte seit 1687 in Offenbach. Er hatte seine Ausbildung u.a. an der reformierten Universität der kurpfälzischen Residenz Heidelberg erhalten; auch seine Heirat 1678 mit Charlotte Amalie aus der pfalzgräflichen Nebenlinie Zweibrücken vollzog sich innerhalb maßgeblicher reformierter Kreise.

An den Grafen wandte sich 1698 eine Gruppe französischer Flüchtlinge, die sich vorübergehend in der Schweiz aufgehalten hatte und die durch eine gewissen Capitaine David de Calmelz (Colmelz, Calmetz, Wolf: Sieur de Calme aus dem Languedoc) angeführt wurden. Er hatte zuvor schon Verhandlungen in Hessen-Darmstadt bezügl. einer Ansiedlung in der Gegend von Kelsterbach und Rüsselsheim geführt. Aus unbekannten Gründen scheiterte diese und Calmelz zog weiter nach Offenbach und verhandelte mit Johann Philipp. Dieser wollte in dem damals ländlich strukturierten Offenbach (wo bereits seit dem 16. Jahrhundert eine reformierte Gemeinde bestand) Gewerbetreibende ansiedeln; am 10.7.1698 wurde eine sog. Kapitulation in 14 Artikeln vereinbart, die die Bedingungen formulierte.

Ansätze zu einer Aufnahme hatte es bereits in den neunziger Jahren gegeben; das auslösende Moment für eine größere Flüchtlingsansiedlung war aber der Friede von Rijswijk 1697, der den Réfugiés die Hoffnung auf eine Rückkehr endgültig nahm und außerdem die Vertreibung der französischen Waldenser aus Savoyen zur Folge hatte.

Der von Calmelz angeführte Flüchtlingsstrom umfaßte neben den von Johann Philipp vor allem erwarteten hugenottischen Gewerbetreibenden und Fabrikanten zahlreiche bäuerliche Waldenser, deren Unterbringung ab 1698 zentral durch den Gesandten der Generalstaten Pieter Valkenier organisiert wurde. Für die Flüchtlinge, die sich hier niederließen, ergaben sich Spannungen aus der Tatsache, daß die englischen und holländischen Hilfsgelder, deren Verteilung Valkenier organisierte, vorwiegend den Waldensern zugute kommen sollten. Der Ablauf dieser Streitigkeiten, der endgültigen Spendenverteilung sowie der Abwanderung eines Teils der Flüchtlinge sind m.E. noch nicht genügend aufgeklärt. Die Umstände der Offenbacher und Neu-Isenburger Gründung sind im wesentlichen aus dem Blickwinklel des Offenbacher Pfarrers Lehn und des Neu-Isenburger Pfarrers Friedrich Illert dargestellt, die die Festschriften anläßlich des 200. Jahrestags der Gemeinden 1899 publizierten und die beide die Rolle Valkeniers eher negativ zeichnen. Ein Brief Valkeniers an die Generalstaaten vom 19.11.1699 zeigt jedoch, daß Valkenier sich durchaus auch um die französischen Réfugiés bemühte.

Petrus Valkenier war eine Art Flüchtlingskommissar vor allem für die Waldenseransiedlung in Deutschland. Er handelte zahlreiche Privilegien-Verträge für Waldensergemeinden mit den Vertretern der Landesherren aus.

Es zeigt sich, daß auch damals die Solidarität unter den verschiedenen Flüchtlingsgruppen nicht selbstverständlich war. Ein Teil vor allem der Hugenotten wandte sich an Johann Philipp um Hilfe. Den Réfugiés, die Offenbach verlassen wollten, wies dieser eigenes Gelände zur Anlegung einer neuen Kolonie zwischen Frankfurt und Sprendlingen zu, daraus entstand das heutige Neu-Isenburg (1699). Bereits am 1.7.1699 wurde mit der Vermessung begonnen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kamen aber weitere Réfugiés, vor allem Gewerbetreibende nach Offenbach, die den Grund für die industrielle Entwicklung (u.a. Ledererzeugung und -verarbeitung) legten. Das Privileg für Offenbach datiert von 1705.

Am Türbogen der Französisch-reformierten Kirche in Offenbach befindet sich das Wappen Johann Philipps von Isenburg und Büdingen und seiner zweiten Gemahlin Charlotte zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg.
Diese Kirche ist eine der wenigen, die sich heute noch „französisch-.reformiert“ bezeichnen (ebenso Frankfurt am Main, Berlin, Potsdam).

Übrigens zeichnete sich die Offenbacher Gemeinde besonders durch ihre Haltung in der NS-Zeit aus, sie hielt sich zur „Bekennenden Kirche“. Daher schlug sie auch die Einladung zur 250-Jahrfeier der Friedrichsdorfer Hugenottenkolonie aus, weil dort ein Angehöriger der „Deutschen Christen“ (Prpobst Trommershausen) die Festpredigt halten sollte.

Neu-Isenburg

Bereits Graf Wolfgang Ernst I. von Isenburg-Büdingen, der dem reformierten Bekenntnis angehörte, hatte mit seinem Regierungsantritt 1596 in Offenbach diese Konfession einführen lassen und hatte auch schon Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden und Frankreich aufgenommen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts zogen allerdings etliche dieser Exulanten nach Hanau, wo sich inzwischen die wallonisch-niederländische Gemeinde konstituiert und ab 1608 eine eigene Kirche errichtet hatte. Nach seinem Tod wurde die Grafschaft in die Offenbach-Birsteiner und die Büdinger Linie geteilt, doch die gesamte Grafschaft blieb reformiert.

Johann Philipp Graf zu Isenburg und Büdingen (1655-1718), Urenkel des Grafen Wolfgang Ernst I., erhielt seine Ausbildung u.a. an der reformierten Universität Heidelberg; auch seine Heirat mit Charlotte Amalie aus der pfalzgräflichen Nebenlinie Zweibrücken verband ihn mit reformierten Kreisen. Er residierte seit 1687 in Offenbach und gewährte 1698/99 hugenottischen und waldensischen Flüchtlingen Aufnahme. Er wollte in dem damals ländlich strukturierten Offenbach (wo bereits seit dem 16. Jahrhundert eine reformierte Gemeinde bestand) Gewerbetreibende und Manufakturiers ansiedeln. An ihn wandte sich 1698 eine Gruppe französischer Flüchtlinge, die sich vorübergehend in der Schweiz aufgehalten hatte. Sie wurden angeführt durch David de Calmelz, der zuvor schon Verhandlungen in Hessen-Darmstadt bezüglich einer Ansiedlung in der Gegend von Rüsselsheim und Kelsterbach geführt hatte und wofür er bereits am 24. Januar 1698 mit dem Landgrafen Ernst Ludwig eine Kapitulation über bestimmte Freiheiten abgeschlossen hatte. Aus unbekannten Gründen scheiterte dies und er zog weiter nach Offenbach.

Johann Philipp verhandelte mit diesem Capitaine de Calmelz über die Aufnahme der Réfugiés. Am 10. Juli 1698 wurde eine Kapitulation (in 14 Artikeln) vereinbart, die die Bedingungen für diese Ansiedlung formulierte. Der Hauptflüchtlingsstrom traf erst 1699 ein und er umfaßte neben den von Johann Philipp vor allem erwarteten hugenottischen Gewerbetreibenden und Fabrikanten zahlreiche bäuerliche Waldenser, deren Unterbringung durch den Gesandten der Generalstaten Pieter Valkenier organisiert wurde. Es enstanden schließlich die französisch-reformierte Gemeinde in Offenbach und eine neue Siedlung, Philippsdorf oder Welsch-Neudorf, später Neu-Isenburg genannt.

Die Anlage von Neu-Isenburg ist ganz geometrisch planmäßig, die Bauplätze waren gleich groß und ähnlich ausgerichtet; auch heute kann man in der Straßenführung des historischen Stadtkerns dieses Muster erkennen. In der ersten Zeit wurde die Siedlung Philippsdorf genannt, oder auch Eglise françoise d’Offenbach établie à Philippsdorf.

Waldensberg

Bereits 1688 hatten die Pfarrer Jacques Papon Vater und Sohn mit der damaligen Regentin, Marie Charlotte von Ysenburg-Büdingen in Wächtersbach wegen Aufnahme verhandelt, wobei sie bereits auf zu erwartende finanzielle Unterstützungen durch die Niederlande verwiesen. Die Gräfin stand der Sache wohlwollend gegenüber und ließ durch ihre Räte mögliche Ansiedlungsorte erkunden (so etwa in einer neuen Vorstadt von Büdingen); doch erwiesen sich die Schwierigkeiten als zu groß und die Waldenser wandten sich an Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt. Im Zuge der späteren Einwanderung der Jahre ab 1698 gelangten aber andere Waldenserflüchtlinge nach Wächtersbach. Graf Ferdinand Maximilian I. von Isenburg-Wächtersbach (1662-1703), der auf seiner Kavalierstour u.a. die hugenottisch geprägte Akademie in Angers besucht, sondern sich auch in den Niederlanden aufgehalten hatte, stand – wie sein Offenbacher Verwandter, Graf Johann Philipp, der reformierten Sache wohlwollend gegenüber. Er erteilte am 11./21. August 1699 ein Privileg für die Anlage der Siedlung Waldensberg, das wie das hessen-darmstädtische unter Vermittlung des Generalbevollmächtigten der Niederlande Pieter Valkenier ausgehandelt worden war.

So konnten sich die Waldenser aus Mentoulles und Fenestrelles, die lange Zeit auf der Suche nach einer neuen Heimat durch Deutschland geirrt waren, in der Nähe von Wächtersbach niederlassen. Die Kirche, mit dem Waldenser-Motto „Lux lucet in tenebris“ ist Mittelpunkt der kleinen Siedlung.

Auf dem Friedhof zeugen noch alte Grabsteine mit französischen Inschriften von dieser Tradition, die bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts lebendig war.

Hessen-Homburg

In der früheren Landgrafschaft Hessen-Homburg gab es drei Ansiedlungen französischer Glaubensflüchtlinge, welche alle ihre Gründung Landgraf Friedrich II. verdanken:
Friedrich II. von Hessen-Homburg (geb. 1633, reg. 1681 -1708) war im Zusammenhang mit seiner Heirat mit Louise von Kurland, einer Nichte des Großen Kurfürsten zum reformierten Glauben übergetreten und verfolgte im Kleinen eine ähnliche Politik des Merkantilismus und der Kolonialisierung wie Friedrich Wilhelm von Brandenburg.

Friedrich II. von Hessen-Homburg empfängt die Hugenotten, Relief auf dem Landgrafendenkmal im Kurpark (gestiftet von Wilhelm II), enthüllt 1906, Fritz Gerth. Inschrift: „Lieber will ich mein Silbergerät verkaufen als diesen armen Leuten die Aufnahme versagen“. Sowohl dem Großen Kurfürsten als auch Friedrich in den Mund gelegt.

Die Homburger Neustadt (Louisenstadt, ab 1685) wurde z.T. von Hugenotten angelegt, die hier auch eine französisch-reformierte Gemeinde bildeten.

Heute erinnert daran vor allem die Jakobskirche (eingeweiht 1723, benannt nach Friedrich III. Jakob), die allerdings seit Beginn des 20. Jahrhunderts als Turnhalle dient.

Friedrichsdorf

Friedrichsdorf, angelegt aufgrund von Privilegien von 1687, ist eine der Hugenottensiedlungen, die am längsten in Deutschland ihre Eigenständigkeit in Sprache, Glaube und Sitte bewahrte. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war Französisch die Amts- und Schulsprache.

Die erste Kirche stammte wahrscheinl. von 1717. 1771 erhielt Friedrichsdorf Stadtrecht, 1821 Stadtwappen; die Siedlung entwickelte sich gut; die alte Kirche war nicht mehr groß genug, ein Neubau, zuerst geplant von Georg Moller, dann ausgeführt nach Plänen von Rudolf Burnitz, wurde 1837 eingeweiht.

Noch bis ins späte 19. Jahrhundert war Französisch Amtssprache und wurde in der Schule gelhrt. Diese lange Traditionsbewahrung war auch ein Grund dafür, daß hier 1890 der DHV gegründet wurde und daß der Verein sein Jubiläum im April 1990 in Friedrichsdorf feierte. Heute Deutsche Hugenotten-Gesellschaft genannt, hat sie ihre Geschäftsstelle in Bad Karlshafen, dort auch das Hugenotten-Museum (1989 eingeweiht), Forschungszentrum, Mikrofilme von Kirchenbüchern; Mittel für genealogische Forschungen

Dornholzhausen

Die Waldensersiedlung Dornholzhausen wurde 1699 durch Flüchtlinge aus dem Pragela-Tal gegründet, die unter Führung ihres Pfarrers Papon nach Hessen gekommen waren. Wirtschaftlich konnte die Siedlung nicht eine solche Blüte erreichen wie das benachbarte Friedrichsdorf; häufig war die Gemeinde für Pfarrerbesoldung und Kirchenunterhalt auf Spenden aus dem protestantischen Ausland (England, Niederlande) angewiesen. Lange Zeit hatte sie nicht einmal einen eigenen Pfarrer, mußte ihn mit der Homburger oder Friedrichsdorfer Gemeinde teilen. Heute weist noch die Anlage des langgestreckten Straßendorfs mit der kleinen Waldenserkirche, auf deren Kanzel die Worte zu lesen sind „Je trouve ici mon asyle“, auf diese Ursprünge hin. Die Kirche wurde 1724 an Stelle der ersten 1701 gebauten Kirche errichtet.

Nassau-Usingen

Wir kommen nun in ein Territorium, von dem es vielleicht nicht so bekannt ist, daß hier Hugenotten aufgenommen wurden. Es ist das frühere Fürstentum Nassau-Usingen

Fürst Walrad, hatte sich als General des Protestantenführers Wilhelms von Oranien, des späteren englischen Königs Wilhelms III. ausgezeichnet, er übernahm 1659 die Regierung in dem kleinen Fürstentum Nassau-Usingen, baute Usingen zur Residenz aus und nahm Hugenotten auf: Es gab hier zwei Réfugiés-Niederlassungen, allerdings beide nicht von längerem Bestand. 1699 wurde eine Flüchtlingsgruppe unter der Führung des Pfarrers Jean Romieu angesiedelt; die Handwerker und Gewerbetreibenden erhielten Plätze in der Usinger Neustadt, für die ländlichen Siedler bestimmte Walrad in der Umgebung Land zur Neugründung eines Dorfes, hier entstand Hasselborn. Eigenständige französisch-reformierte Gemeinden existierten aber nicht lange. Schon 1715 wurden Alt- und Neustadt Usingen vereinigt.

In Usingen zeugen heute noch die Hugenottenkirche (seit 1823 Schule, später Kindergarten, neuestens renoviert und als Bücherei und Kulturzentrum genutzt), am Neuen Marktplatz und einige Häuser sowie einige französische Namen von dieser Besiedlung durch Hugenotten.

Hessen-Darmstadt

Auch in Hessen-Darmstadt gab es Kolonien französisch-reformierter Flüchtlinge, obwohl sowohl Landesherr als auch Einwohnerschaft lutherisch waren. Die Siedlungen in Kelsterbach und Nidda waren nicht von Dauer bzw. begründeten keine eigenen Gemeinden. Von Waldensern angelegt wurden Walldorf-(Mörfelden) und die Kolonie Rohrbach-Wembach-Hahn (südlich von Darmstadt). Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt gewährte den Glaubensflüchtlingen bereits 1688 großzügige Privilegien. Zu einer endgültigen Niederlassung kam es aber erst 1699, als die Waldenser, die im Zuge der „Glorieuse rentrée“ (der glorreichen Heimkehr) 1689 in ihre Heimattäler zurückgekehrt waren, nochmals auswandern mußten und sich um die Ansiedlung in deutschen Territorien bemühten. Daniel Bonin, selbst aus Rohrbach stammend, hat um 1900 diese „Waldensergemeinde Pragela auf ihrer Wanderung ins Hessenland“ in mehreren Veröffentlichungen beschrieben und ihre Wege in eine neue Heimat nachgezeichnet.

Der Waldenserstein in Rohrbach trägt die Inschrift: „Den Vätern im treuen Gedenken – den Kindern zu steter Erinnerung“; gestiftet 1899 auf Initiative Daniel Bonins

Walldorf

Waldenser aus dem Chisone-Tal (Piemont), legten neues Dorf zwischen Mörfelden und dem Gundhof an.; Ortsname 1715 erstmals erwähnt. Kirchengeminde 1699 erwähnt „Eglise vaudoise du Roure et du Méan“

Die Kirche in Walldorf; 1805 erbaut als Nachfolger einer kleinen Holzkirche von 1704, steht heute noch in der Langstraße; sie wurde 1941 stark beschädigt; 1949 neu geweiht (Evangelische Alte Kirche).

Ein altes Waldenserhaus in der Nähe der Kirche ist zum Museum ausgebaut und mit einem Kulturzenrum verbunden worden. Der alte „Waldenserhof“ (Gasthof seit 1840) ist renoviert und 1993 wiedereröffnet worden. Ein Verein „Waldenserforschung Walldorf“ ist sehr rührig um die lebendige Erinnerung an die historischen Wurzeln bemüht.

Sicherlich kennen Sie einige dieser Orte, ihre Kirchen oder Denkmäler bereits, aber vielleicht regt Sie dieser kleine Überblick dazu an, einmal einen Streifzug auf den Spuren der protestantischen Exulanten und Réfugiés im Rhein-Main-Gebiet zu unternehmen.

Die Aufnahme der Hugenotten – Privileg, Konflikt, Integration
von Dr. Barbara Dölemeyer

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Die Geschichte der Hugenotten in Europa ist nicht nur eine Geschichte der Glaubensverfolgung und der Intoleranz, das ist sie auch. Aber sie ist als Glaubenswanderung auch ein Teil frühneuzeitlicher Migration und Integration in einer neuen Umwelt. Es geht um Menschen, die ihre Heimat verlassen, weil sie an ihrem Glauben festhalten wollen, in dessen Ausübung sie von einer Obrigkeit eingeschränkt werden. In der hugenottischen Selbstbeschreibung wurde und wird auch noch heute der Aspekt „Glaubensflüchtlinge – Glaubenszeugen“ besonders herausgestellt. Es spielten aber auch weitere Motive mit – etwa politische und wirtschaftliche. Betrachten wir die politische Geschichtsschreibung, so spielte das Verhältnis zwischen Frankreich einerseits und den Niederlanden, England und dem Alten Reich andererseits eine Rolle, ebenso die Haltung der französischen Monarchie gegenüber der päpstlichen Kurie. Was die ökonomische Seite betrifft, so wurde – besonders von der preußischen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts – die Sichtweise: „Hugenotten als wirtschaftliche und soziale Elite“, als Modernisierungspotential und Zugewinn für die Aufnahmeländer – betont. Daß die Hugenotten auch Teil der großen frühneuzeitlichen Migrationsbewegungen waren – dies ist ein Aspekt, der erst in jüngster Zeit stärker in den Blickpunkt gerät.

Geht es um die Aufnahme der Hugenotten in den deutschen Territorien des 17. und 18. Jahrhunderts, wird diese gelegentlich, ja sogar häufig, aus der heutigen Sicht der Asylgewährung betrachtet und als Parallelbeispiel und Vorbild genannt, was jedoch zu schiefen Vergleichen führen kann. Vielleicht wäre der Vergleich mit Arbeitsmigranten sozialgeschichtlich fruchtbarer.

Daher möchte ich einige allgemeine Betrachtungen zur Hugenottenaufnahme anstellen und diese mit Beispielen aus dem Isenburgischen illustrieren.

Ganz kurz zur Vorgeschichte:
Bereits im 16. Jahrhundert hatte es in Frankreich Kriege zwischen der staatstragenden katholischen Mehrheit und der protestantischen (hugenottischen) Minderheit gegeben. Diese wurden zwar 1598 durch das sog. Toleranzedikt von Nantes weitgehend beendet, welches den Protestanten bestimmte Garantien der Religionsausübung gab. Aber unter Ludwig XIV., der die katholische Glaubenseinheit in Frankreich wiederherstellen wollte („un roi, une loi, une foi“- „ein König, ein Gesetz, ein Glaube“) setzten die Hugenottenverfolgungen verstärkt wieder ein und sie gipfelten bekanntlich im Oktober 1685 im Widerruf dieser Zugeständnisse durch das Edikt von Fontainebleau: Den Protestanten wurden ihre Gottesdienste verboten, die noch existierenden Kirchen (temples) zerstört; Pfarrer, die nicht zum Katholizismus konvertierten, wurden außer Landes verwiesen, den übrigen Angehörigen der protestantischen Konfession dagegen wurde die Auswanderung verboten (man kann also nicht, wie es oft geschieht, von „Vertreibung“ sprechen). Das Edikt von 1685 war der unmittelbare Anstoß zur großen Auswanderung der Hugenotten aus Frankreich, eine Welle, die sich über nahezu das gesamte protestantische Europa und bis nach Amerika und Südafrika erstreckte.

Um 1670 lebten etwa 800.000 Protestanten unter 19 bis 20 Millionen Katholiken, die überwiegende Mehrzahl trat nach 1685 als „Neukonvertierte“ (nouveaux convertis) der katholischen Kirche bei; etwa 150.000 bis 160.000 Hugenotten hingegen nahmen die Emigration auf sich. Sie verließen ihre Heimat, um dem Glauben treu bleiben zu können. Zu den religiösen Gründen für die Auswanderung traten aber noch weitere. Viele Berufe waren ihnen verschlossen, was zu existentiellen Bedrohungen führte. Die wirtschaftliche Situation in Frankreich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war keineswegs günstig, das gilt besonders für die Lage kleiner Adliger und bäuerlicher Schichten. Selbstverständlich war auch die jeweilige politische „Großwetterlage“ in Europa mitbestimmend für die Schicksale der Flüchtlinge. Nur einige Faktoren möchte ich nennen: Die wechselnden Bündnisse der mächtigeren Staaten, das Taktieren der kleineren Verbündeten Frankreichs (zB Savoyen), die militärischen Erfolge und Misserfolge in den Kriegen der Epoche, die „Glorreiche Revolution“ in England, die mit Wilhelm von Oranien und seiner Frau Mary protestantische Herrscher an die Macht brachte (die übrigens ihrerseits die Katholiken in England und Irland diskriminierten). All dies beeinflußte auch die Überlegungen der Hugenotten für oder gegen eine endgültige Niederlassung im Exil, für oder gegen Versuche der Rückkehr. Die Gesamtheit der Aufnahmeländer bezeichnet man als „Refuge“ (Zuflucht), die Ausgewanderten bzw. Aufgenommenen als „Réfugiés“.

Ein großer Teil unter ihnen, vor allem diejenigen, die aus dem Westen und Norden Frankreichs flohen, wandte sich nach den Niederlanden und nach England. Für andere Flüchtlingsgruppen, vor allem aus Südfrankreich, waren die evangelischen Kantone der Schweiz die erste Zuflucht, Genf, Basel und Schaffhausen wichtige Zwischenstationen. Auf dem Wasserweg ging es dann rheinabwärts oder man versuchte, auf dem Landwege über die schwer bewachten Grenzen zu gelangen. Oft bereiteten Kundschafter die Organisation der Reise vor: zB die ehemaligen Pfarrer; häufig reisten einzelne Mitglieder größerer Gruppen oder Familien voraus, um das „Terrain zu sondieren“, um Möglichkeiten der Niederlassung und Unterstützung in Erfahrung zu bringen. Es wurden auch in dieser bewegten Zeit Mittel angewandt, die in mancher Beziehung mit den heutigen Methoden der Fluchthelfer vergleichbar sind; man kann wohl z. T. vom Einsatz von „Schleppern“ sprechen. Allerdings diente die Bewachung der Grenzen zur Verhinderung der Ausreise, nicht wie heute zur Abwehr der Einreise. Der zweite ganz wesentliche Unterschied zu heutigen Migranten, die den Eintritt nach Europa suchen, war der, daß die Hugenotten in vielen Fällen eine erwünschte Einwanderung bedeuteten, die durch die Erteilung von Privilegien gefördert wurde.

Privileg

Privilegien waren Rechtsakte, durch welche die Regenten der Aufnahmeländer den Flüchtlingen bestimmte Vergünstigungen zusagten, sie waren für die Entwicklung der Sonderrechte der Hugenotten von zentraler Bedeutung. Durch sie erhielten die Einwanderer eine eigene Rechtsposition, die sich von der der einheimischen Bevölkerung unterschied. Mit Ausnahme der Schweizer Kantone erteilten alle europäischen Refugeländer für die Ansiedlung der Neuankömmlinge solche Privilegien. Deren Formen und Inhalte weichen stark voneinander ab. Im europäischen Vergleich verhielten sich die Landesherren im Alten Deutschen Reich einzigartig: Sie räumten nämlich den Hugenotten und ihren Siedlungen (Kolonien) eine weiter gehende und länger dauernde Sonderstellung ein als andere Aufnahmeländer. Dies liegt vor allem daran, dass sie hofften, durch den Zuzug der Glaubensflüchtlinge ihre im 30jährigen Krieg dezimierte Bevölkerung zu vermehren und ihre Wirtschaft zu fördern. England und die Niederlande hingegen, die wirtschaftlich und zT kulturell weiter entwickelt waren, bemühten sich um rasche Integration der Hugenotten: man erleichterte ihnen die Erlangung des Bürgerrechts und gliederte sie möglichst rasch in die Landeskirchen ein.
Die Privilegierung, also Sonderbehandlung bestimmter Gruppen mußte nun gegenüber der Allgemeinheit gerechtfertigt werden. Dafür wurde das Motiv der Nächstenliebe und Solidarität mit Verfolgten angeführt, zum andern spielte auch der Nutzen, der von einer Hugenottenaufnahme erwartet wurde, eine nicht unwichtige Rolle: „Vom Nutzen der Toleranz“ – dies ist ein Motiv, das sich durch die gesamte Aufnahmediskussion im europäischen Refuge zieht.

Die Einwanderer erhielten durch die Aufnahmeprivilegien eine kirchliche, wirtschaftliche und z. T. auch rechtliche Sonderstellung. Auf diese drei Punkte möchte ich nun eingehen:
Besonders wichtig waren jedenfalls die Bestimmungen, die sich auf die Religionsausübung, die Pfarrerbestellung etc. beziehen. Man gewährte immer die freie Glaubensausübung (exercice de la foi). Häufig finden sich in den Privilegien Regeln über den Gemeindeaufbau; es geht um die Unterstützung beim Bau von Gotteshäusern und bei der Besoldung der Pfarrer. Die neuen Kirchengemeinden konnten sich nach der französisch-reformierten Kirchenordnung (Discipline ecclésiastique) organisieren, wie sie von Calvin entwickelt worden war: Kirchenälteste (anciens) hatten die Leitung der Gemeinde, Diakone (diacres) waren für die sozialen Belange und Prediger (pasteurs, Pfarrer) für die Verkündung des Evangeliums zuständig. Diese Kirchenordnung enthält in ihrer Aufgaben- und Ämterverteilung – im Gegensatz zu lutherischen Kirchenordnungen – Elemente weitgehender Selbstverwaltung der Gemeinden; wichtig ist auch die starke Beteiligung von Laien in leitenden Funktionen. Am Anfang einer Kirchengemeinde wählt die Versammlung der Familienväter (Hausväter) die anciens (die Ältesten), diese bilden dann den Kirchenvorstand, das Presbyterium (consistoire). Dieses bemüht sich dann um einen Prediger. Deshalb wird auch die Gründung, das Entstehen einer französisch-reformierten Gemeinde, auf diesen Zeitpunkt datiert. (Für Neu-Isenburg hat Walter Mogk dies für Februar 1702 rekonstruiert).

Charakteristisch ist auch die enge Verbindung von kirchlicher und weltlicher Gemeinde, u.a. dadurch, daß dieselben Personen wichtige Leitungsfunktionen hatten. Oft sicherten die Privilegien der neuen Gemeinde bzw. Kolonie den Gebrauch der französischen Sprache in Kirche und Schule zu.

Die wichtigsten wirtschaftlichen Vergünstigungen, welche in den deutschen wie in den meisten europäischen Hugenottenprivilegien enthalten waren, waren Steuerbefreiungen, bzw. Steuererleichterungen; gewährt wurden auch Unterstützungen beim Bau von Häusern sowie beim Erwerb von Grundstücken für die Ansiedlung. In Einzelfällen ließen deutsche Fürsten sogar bestimmte Ländereien und Häuser von den angestammten Bewohnern räumen (allerdings gegen Entschädigung), um sie den Réfugiés zur Verfügung zu stellen. So mußten z. B. die Einwohner von Daubhausen im Solmser Land ihre Häuser für die Hugenotten räumen, was sicherlich nicht zu freundlichem Umgang zwischen Einheimischen und Neuankömmlingen beitrug. Eine weitere wirtschaftliche Vergünstigung war die Befreiung vom Zunftzwang. Diese bedeutete natürlich für die eingesessenen Handwerker zusätzliche Konkurrenz, ein weiterer Grund für Konflikte zwischen Einheimischen und Einwanderern. Ich komme gleich darauf zu sprechen.

Die Privilegien regelten auch die Rechtsposition der hugenottischen Einwanderer im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung und andererseits im Vergleich zu den übrigen Fremden. Dass Hugenotten gegenüber anderen Fremden, anderen Einwanderern bessergestellt wurden, diese Regelung findet sich in allen Ländern des europäischen Refuge. Charakteristisch für den deutschen Bereich ist aber, dass die Réfugiés oft eine deutliche Sonderstellung in zivilrechtlicher, teils auch in strafrechtlicher Hinsicht gegenüber Einheimischen erhielten und diese auch ausbauen konnten. In Brandenburg und in Hessen-Kassel wurden sogar besondere Institutionen (Gerichte, Verwaltungsorgane) für die Hugenottenkolonien errichtet. Es versteht sich, dass eine solche privilegierte Sonderstellung auch in Rechte der Einheimischen eingreifen konnte und dass sich daraus Konflikte ergaben.
Andererseits konnte die Sonderstellung der Neuankömmlinge auch dazu führen, daß sich die Einheimischen an diesem Beispiel orientierten und ebenfalls bessere Rechte verlangten. Wenn die Zuwanderer von Frondiensten und Leibeigenschaft befreit waren, so wirkte dieses Beispiel oft auch auf die umgebende einheimische Bevölkerung, zB in den ostelbischen Gebieten Preußens.

Die Privilegien waren sozusagen Angebote der Landesherren, unter diesen besonderen Bedingungen Hugenotten aufnehmen zu wollen. Realisiert wurden diese dadurch, daß man sich wirklich in dem jeweiligen Territorium auf Dauer niederließ und – das ist wichtig – daß man den Untertaneneid (Huldigungseid) an den neuen Herrn leistete. Erst durch den Eid kam die Rechtsbeziehung zu dem neuen Fürsten und die Aufnahme in den Untertanenverband zustande (ein wenig vergleichbar mit dem Erwerb der Staatsangehörigkeit heute). Es wird ein persönliches Rechtsverhältnis begründet. Man begibt sich unter Schutz des Fürsten und verspricht Treue. Das hatte auch politische Folgen: Die so aufgenommenen neuen Untertanen waren in erster Linie dem Fürsten verpflichtet und dies konnte ein Gegengewicht zu den Ansprüchen der Stände bilden. Fürsten, die das reformierte Bekenntnis auch für ihre Untertanen eingeführt hatten (so die Ysenburger), konnten außerdem auf diese Weise eine Verstärkung des calvinistischen Elements im Lande erzielen.

Betrachten wir nun die Hugenottenaufnahme im Ysenburgischen: Zwischen 1680 und 1730 kamen nach neueren Schätzungen um die 40.000 französisch-reformierte Glaubensflüchtlinge nach Deutschland. Der Hauptteil ließ sich Brandenburg-Preußen nieder; etwa 7.000 in Hessen, davon ca 4.000 in Hessen-Kassel. Aber es kam auch eine größere Zahl in die Rhein-Main-Region: vor allem in die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt und in kleinere Territorien wie Hessen-Homburg und eben in die Ysenburgischen Grafschaften. Hier fanden sie Aufnahme durch Johann Philipp Graf zu Ysenburg und Büdingen (1655-1718) und gründeten die französisch-reformierten Gemeinden Offenbach und Neu-Isenburg. Johann Philipp war selbst reformiert, d.h. Calvinist, er gehörte also derselben Konfession an wie die französischen Glaubensflüchtlinge. Das kann man noch nicht als besondere Toleranz bezeichnen. Aber er übte auch Duldsamkeit gegenüber anderen Konfessionen, sogar gegenüber Außenseitern wie Radikalpietisten. Unterstützt wurde er hierin durch den mit der Grafenfamilie sehr vertrauten Hofprediger Conrad Bröske, der maßgeblich an der Hugenottenansiedlung mitwirkte. Ein weiteres Zeichen von Liberalität und Toleranz setzte ein anderer Isenburger, Ernst Casimir, der 1712 ausdrücklich auch Angehörigen von offiziell nicht anerkannten Sekten die Ansiedlung in Büdingen erlaubte, da er der Meinung war, „dass die Obrigkeitliche Macht sich nicht über die Gewissen erstrecke“.

Offenbach als Residenz und Sitz der Regierung war Ende des 17. Jahrhunderts noch eher ländlich strukturiert. Um die Wirtschaft zu fördern, wollte Johann Philipp vor allem Handwerker und Gewerbetreibende ansiedeln und die Bevölkerungszahl vergrößern (Peuplierung). Auch hier das wirtschaftliche Motiv – neben dem Mitleid mit verfolgten Glaubensgenossen. – „Vom Nutzen der Toleranz“.

Auf die etwas verwickelte Geschichte der Verhandlungen der Flüchtlinge mit Johann Philipp kann nicht im einzelnen eingegangen werden. Nur soviel: Der Graf schloß am 10. Juli 1698 mit einem Deputierten der Hugenotten, einem gewissen David de Calmelz einen Aufnahmevertrag ab. Calmelz war – ja kann man gewiß sagen – ein Abenteurer, eine Figur, wie sie in Flucht und Wanderungswirren nicht ganz selten vorkam, seine Spur verliert sich im Dunkel der Geschichte. Als negativ sollte es sich erweisen, dass Johann Philipp sich bei diesen Verhandlungen nicht selbst absicherte, wie das andere Fürsten taten, die sich finanzielle Unterstützungen durch die protestantischen Schutzmächte Niederlande und England zusagen ließen. Der Hauptflüchtlingsstrom traf erst 1699 ein und er umfaßte neben den von Johann Philipp vor allem erwarteten Gewerbetreibenden und Fabrikanten zahlreiche unbemittelte Hugenotten und auch bäuerliche Waldenser. Daß es 1699 auf Ysenburgischem Gebiet zu zwei Ansiedlungen kam, lag einerseits an der ungünstigen Finanzlage, andererseits wohl an mangelnder Abstimmung des Grafen mit der großen Politik im protestantischen Europa. Der niederländische Gesandte Pieter Valkenier, der als eine Art gesamteuropäischer Flüchtlingskommissar wirkte, führte die diplomatischen Verhandlungen mit den aufnahmebereiten deutschen Fürsten (in Hessen und Württemberg). Er hatte die holländischen und englischen Hilfsgelder zu verteilen und sollte vorwiegend die Unterbringung der Waldenser organisieren. Der büdingische Vetter Graf Ferdinand Maximilian verhandelte direkt mit Valkenier und schloß 1699 einen Tractat mit ihm, der zur Gründung der Kolonie Waldensberg führte. Johann Philipp hatte es aber – wie erwähnt – verabsäumt, mit Valkenier zu verhandeln, das führte zu einer Art „Isolierung“ seines Projekts und damit zu finanzieller Notlage der Offenbacher Siedler. Ein Teil der Réfugiés zog weiter in andere deutsche Aufnahmeländer – das war in diesen Zeiten nicht ungewöhnlich: viele Flüchtlinge fanden erst nach längerem Umherirren ihre endgültige neue Heimat.

Einigen Familien wies der Graf auf Isenburgischem Gebiet eigenes bebaubares Land zwischen Frankfurt und Sprendlingen zu, daraus entstand 1699 die neue Siedlung, Philippsdorf oder Welsch-Neudorf genannt, das heutige Neu-Isenburg. Johann Philipp kommt das Verdienst zu, in dieser ungünstigen Situation das einmal begonnene Vorhaben aus eigener Kraft vorangebracht zuhaben. Er unterstützte mit seinen nicht gerade großen Mitteln die Entwicklung der beiden Flüchtlingsgemeinden. Nach der Abwanderung bestand die Offenbacher Gemeinde 1702 nur noch aus 7 Familien und dem Pfarrer. Das war eine prekäre Situation und man musste um das Weiterbestehen bangen. Doch 1703 kam ein neuer Trupp Hugenotten, unter ihnen auch die erwünschten Handwerker: Strumpfwirker (faiseurs de bas) und Wollfabrikanten, auch Posamentierer und Hutmacher. Dadurch wurde das Überleben der Gemeinde gesichert. Diese Gewerbetreibenden legten den Grund für die industrielle Entwicklung Offenbachs. 1705 wurden die Privilegien für Offenbach in ihrer endgültigen Form, als „Droits et privilèges“ = „Rechte und Privilegien“ fixiert.

Den Untertaneneid (Huldigungseid) leisteten die Réfugiés, die die Offenbacher und Neu-Isenburger Gemeinde gründeten, am 24. Juli 1699 in der Residenzstadt Offenbach gegenüber dem Landesherrn gemeinsam. Am 20. September 1699 erhielten die Neu-Isenburger eigene Privilegien.

Der Eid lautete so, ein Beamter las die Formel vor (französisch, hier die deutsche Übersetzung): „ Ihr sollt versprechen und schwören, dass ihr treu, gehorsam und ergeben dem erlauchten Grafen und Herrn Johann Philipp Graf von Isenburg und Büdingen als euerem gesetzlichen Herrn, seinen Erben und Nachfolgern sein wollt, deren Nutzen und Bestes prüfen und befördern, keinen Schaden thun noch andern wissentlich gestatten, […] und im Uebrigen all dasjenige zu thun, was ein getreuer Unterthan seinem rechten Herrn zu thun und zu lassen schuldig ist. Was mir jetzt vorgelesen worden und ich wohl verstanden, auch darauf Treue gelobt habe, dem will ich also nachkommen, so wahr mir Gott der Allmächtige helfe.“ Soweit der Beamte. – Die Kolonisten bestätigten: „ Ce qu’on m’a dit et que j’ai bien entendu et même la dessus promis, je le ferai comme Dieu mon assistance.“ („Was man mir gesagt und ich wohl gehört und selbst daraufhin versprochen, werde ich halten, so wahr mir Gott helfe.“).
Damit war also die sozusagen „staatsrechtliche“ Seite der Ansiedlung fixiert, die von der Gründung der Kirchengemeinde (wie oben erwähnt) unterschieden war.

Konflikt

In großen Teilen der Hugenottenliteratur und auch in aktuellen politischen Diskussionen über die Einwanderung wird die Aufnahme der Hugenotten in erster Linie als Erfolgsgeschichte und Beispiel gelungener Integration dargestellt. Das ist sie sicherlich auch. Allerdings dürfen die Widerstände nicht vernachlässigt werden, die sich quer durch alle Bevölkerungsgruppen gegen Ankunft und Niederlassung der Fremden erhoben. Diese Konflikte mit den Einheimischen spielten sich in unterschiedlichen Bereichen ab, sie hatten sowohl wirtschaftliche wie soziale und mentalitätsmäßige Gründe. Besonders deutlich kamen die ökonomischen Motive bei den Abwehrmaßnahmen zum Ausdruck. Das kann man zT auch verstehen: Die Landesherren griffen ja in die Lebensbedingungen und Rechte der Einheimischen zugunsten der Flüchtlinge ein und verlangten ihnen z.T. erhebliche Einschränkungen ab (auch hier können wir in gewisser Weise aktuelle Parallelen sehen). Oft war es so, dass die Fürsten den aufzunehmenden Hugenotten Rechte einräumten, über die sie gar nicht verfügen konnten, weil die Einheimischen ältere Rechte – zB an den Markgenossenschaften – hatten. Konflikte bei der Holz- und Weidenutzung waren deshalb bei größeren Ansiedlungsvorhaben gewissermaßen in den Privilegien „vorprogrammiert“. Solche Streitigkeiten sind u.a. aus der Landgrafschaft Hessen-Homburg für Dornholzhausen und Friedrichsdorf bekannt; auf Neu-Isenburg komme ich gleich.

Anhaltende Widerstände gab es aber auch in Handwerk und Gewerbe, weil unterschiedliche Lebens- und Wirtschaftsbedingungen aufeinander trafen. In den deutschen Territorien herrschte zumeist noch das Zunftsystem. Einerseits hinderte man die Neuankömmlinge daran, in die eingesessenen Zünfte einzutreten. Andererseits wollte man oft nicht anerkennen, daß die Privilegien ihnen Zunftbefreiung und Tätigkeit als „Freimeister“ garantiert hatten. Die hugenottischen Handwerker waren aber durch ihre Ausbildung und Kenntnisse den ansässigen z.T. überlegen. Außerdem hatten sie auch andere, ganz neue Fertigungs- und Vertriebsmethoden, die dem Zunftsystem widersprachen. So stellten sie aus Sicht der Zünfte eine große Gefahr dar. Oft stellten sich die landesherrlichen Beamten auf die Seite der Altansässigen und blockierten die Gewerbeausübung der Fremden. Handgreifliche Auseinandersetzungen reichten von der die Störung des Handwerksbetriebs bis zur Zerstörung von Material und Maschinen. Die Hugenotten wehrten sich und gründeten eigene, französische Zünfte (maîtrises); diese hatten auch den Vorteil, dass sie ihre Kenntnisse und Fertigkeiten, ihr neues technisches know-how innerhalb der eigenen Organisation halten und sozusagen eine Gegenzunft aufbauen konnten. Diese Auseinandersetzungen zwischen „französischen“ und „deutschen“ Zünften hielten oft lange an. Sie sehen, wirtschaftliche Konkurrenz-Situationen können auf ganz verschiedenen Ebenen auftreten: bei den Hugenotten ging es um bessere Ausbildung, modernere Fertigkeiten – bei heutigen Einwanderungswilligen etwa um billigere Löhne oder niedrigere Preise.

Konflikte in die „andere Richtung“ gab es aber auch: nicht nur, daß die Einheimischen die Hugenotten abwehrten, sondern es gab auch Abgrenzung seitens der Einwanderer. Die Hugenotten selbst oder auch die Fürsten beharrten auf der „Reinhaltung“ der „französischen“ Kolonien. Einheimischen, die deren privilegierte Sonderstellung mitgenießen wollten, wurde der Zuzug verwehrt. Die Réfugiés wollten die finanziellen Unterstützungen aus England und den Niederlanden alleine nutzen und sie nicht mit den Deutschen teilen. Diese Hilfen waren zwar notwendig zum Überleben der jungen Gemeinden, bargen aber andere Gefahren: Für die Pfarrerbesoldung war man oft auf die auswärtigen Hilfsgelder angewiesen. Vor allem die Holländer nahmen nun Einfluß auf die Pfarrer, setzten sie ein, beriefen sie ab etc., was natürlich dem Landesherren und auch den Gemeinden in Offenbach und Neu-Isenburg nicht gefallen konnte. Auch hier bieten sich aktuelle Vergleiche an, wenn Geistliche durch auswärtige Instanzen bezahlt werden, kann es zu Problemen kommen.

Schließlich gab es aber auch Konflikte innerhalb der französisch-reformierten Gemeinden, auf der Ebene der Kirchenzucht und Moral , zB durch die „sittlichen Gefährdungen“, die vom nicht-calvinistischen Umfeld ausgingen.

Solche Konflikte traten auch im Ysenburgischen auf: Wie in vielen anderen Hugenotten- und Waldenserkolonien gab es Grenzstreitigkeiten, hier vor allem mit Frankfurt und mit Kurmainz. Die Auseinandersetzungen der Offenbacher Gemeinde mit ihren Nachbarn führten gelegentlich sogar zu Handgreiflichkeiten – etwa wenn die Hirten aus Langen ihr Vieh auf die Felder von hugenottischen Siedlern trieben und diese verwüsteten.
Frankfurt wiederum wollte die Neu-Isenburger daran hindern, ihre Schweine und Rinder zur Weide in den Stadtwald zu treiben, die Eichelmast reichte nicht aus für soviel Vieh. Die Reichsstadt sah ihre Waldnutzung beeinträchtigt; daher setzte sie an die Grenze das „Frankfurter Haus“. Die Tatsache, daß der Förster, der es hütete, keine Besoldung erhielt, aber Schankrecht hatte, brachte ganz andere Konflikte (nämlich innerhalb der französischen Gemeinde) mit sich. Das Etablissement übte eine große Anziehung auf die hugenottische Jugend aus, denn in Neu-Isenburg war Tanzen nur einmal im Jahr zur Kirchweih erlaubt, während im Frankfurter Haus oft zum Tanzen aufgespielt wurde. So waren die Neu-Isenburger Gemeindemitglieder auch nicht immer die reine Freude ihrer Hirten. Viele Fälle aus dem Konsistorienbuch zeugen davon. Hier möchte ich einen Eintrag aus dem Jahr 1723 zitieren. Pfarrer Abraham de Champ Renaud musste seinen Schäflein ausdrücklich verbieten und das am 2. Septembersonntag von der Kanzel verlesen lassen, dass sie nicht nach Frankfurt in die Weinberge gehen sollten, um nach der Weinlese die restlichen Trauben zu sammeln und vor allem „öffentlich während des Gottesdienstes mit Säcken auf den Schultern, die mit Früchten vollgefüllt waren, nach Hause“ zu kommen. Noch schlimmer war, dass sie am dritten und vierten Septembersonntag das Gravenbrucher Fest besuchten, einen „Papistenort“ (der befestigte Hof Gravenbruch war ja seit 1661 im Besitz der katholischen Grafen von Schönborn). Verboten werden musste auch, „sonntags Karten zu spielen oder während der kirchlichen Handlungen ins Frankfurter Haus zu gehen“.

Die Streitigkeiten zwischen Isenburg und Frankfurt führten übrigens zu etlichen Prozessen; 1731 wurde vom Reichshofrat in Wien entschieden, dass das Isenburger Rindvieh nicht mehr in den Stadtwald getrieben werden durfte.

Was die Abwehr des Zuzugs von Deutschen und die Reinhaltung der Kolonie betrifft, so wurde für Neu-Isenburg bestimmt, dass Lutheraner, die dort ein Grundstück oder Haus kaufen wollten, sich und ihre Kinder der französisch-reformierten Kirchendisziplin unterwerfen mussten. Noch 1755 legte Fürst Friedrich Ernst zu Isenburg und Büdingen fest, dass die zugezogenen Deutschen ihre Kinder in die französische Schule schicken sollten, damit die französische Sprache im Dorf erhalten bleibe.

Integration

Der Vorgang der Integration und Assimilation einer fremden Minderheit ist ein vielschichtiger: er betrifft u.a. die rechtliche, die soziale und die sprachliche Angleichung; diese Prozesse verlaufen aber nicht immer parallel. Sie verlaufen auch keineswegs nur in eine Richtung. Ein Hauptfaktor der sozialen und sprachlichen Angleichung waren Heiraten unter den beiden Bevölkerungsgruppen.

Am Ende des 18. und im 19. Jahrhundert wurde die Rechtsstellung der Hugenottennachkommen der der deutschen Bevölkerung angeglichen. In Preußen geschah dies durch die Kabinettsorder von 1809 über die Auflösung der französischen Kolonien, die Privilegien wurden im Rahmen der Stein-Hardenberg’schen Reformen aufgehoben. Staaatliche Behörden und Organe der Landeskirche übernahmen die Kirchenaufsicht; die Sonderstellung der einzelnen Kirchengemeinden blieb aber in gewissem Umfang erhalten. Ein umfassender Assimilations- und Eindeutschungsprozess war die Folge. In Hessen-Kassel wurde der privilegierte Status der Hugenotten zwischen 1800 und 1804 in mehreren Schritten abgebaut: die hugenottischen Sonderinstitutionen, die Französische Kanzlei, die besonderen Gerichte, wurden aufgelöst. Für andere Territorien (so für Isenburg) lässt sich nur eine langsame Angleichung der Rechtsstellung der Hugenotten-Nachkommen konstatieren.

Über das 19. Jahrhundert hinaus konnten nur einige kirchenrechtliche Sonderrechte der Einzelgemeinden gewahrt werden; dazu gehört das Recht der Pfarrerwahl und eine gewisse gemeindlichen Selbständigkeit (bei Kollekten, Vermögen, Stiftungen). Diese mussten aber sowohl gegenüber der Staatsregierung, und andererseits gegenüber der Kirchenregierung verteidigt werden. Jedenfalls blieben die reformierten Bekenntnisschriften (u.a. Confession de foi, der Heidelberger Katechismus) gültiger Grundbestandteil, ebenso wie die Orientierung an der Discipline ecclésiastique(der franz.-ref. Kirchenordnung) von 1559. Das wirkt sich in Aufbau und Selbstverständnis der Gemeinden bis heute aus; die starke Stellung des Kirchenvorstands, der Aufbau von der Basis aus als „Versammlung aller Gläubigen unter dem Wort“ sind reformierte Anliegen, ebenso die Bedeutung der Diakonie für die „Armenpflege“(„Souvenez-vous des pauvres“). Reformiertes Erbe ist also in den auf Hugenottengründungen zurückgehenden Gemeinden bis heute lebendig (für die Neu-Isenburger Gemeinde hat Pfarrer Loesch in der Jubiläumsschrift darauf hingewiesen.) Allerdings muß betont werden, daß sich heute nur mehr wenige Gemeinden explizit als französisch-reformierte Gemeinden bezeichnen, so die Offenbacher und die Frankfurter neben den Kirchengemeinden in Berlin und Potsdam.

Die wirtschaftliche und soziale Integration der Hugenotten verlief verhältnismäßig rasch. Heiraten zwischen Franzosen und Deutschen wurden häufiger, daher auch – trotz der genannten Schwierigkeiten – Zuzug und Bevölkerungsvermischung. Die Eingliederung in das Wirtschaftsleben war für beide Seiten fruchtbar, wenngleich die hohen Erwartungen an die wirtschaftsfördernde Funktion der Einwanderer nicht ganz erfüllt wurden.

Die sprachliche Angleichung verlief in den deutschen Aufnahmeländern vergleichbar, doch mit einigen Ausnahmen. Meist wurden bis zum Beginn des 19. Jh. die Gottesdienste in französischer Sprache gehalten, dann abwechselnd französisch und deutsch, spätestens in der zweiten Jahrhunderthälfte waren Predigt- und Unterrichtssprache Deutsch. Solche Entwicklungen trifft man auch in vielen Hugenottengründungen in Hessen an. Eine der Kolonien, die am längsten Französisch als Gottesdienst-, Schul- und sogar Amtssprache bewahrte, war Friedrichsdorf (bis Ende des 19. Jh).

Während also das 19. Jahrhundert ein langsames Verschwinden der französischen Eigenart bedeutete, brachte das Gedenken an die 200. Gründungstage zwischen 1885 und 1899 in vielen früheren Kolonien ein Wiederaufleben hugenottischen Bewusstseins, man erinnerte sich verstärkt der eigenen Wurzeln. Jubiläumsschriften der franz.-ref. Gemeinden wurden verfaßt, die für lange Zeit ihr Geschichtsbild bestimmten; für Offenbach 1899 die von Pfarrer Adolf Lehn, für Neu-Isenburg ebenfalls 1899 die von Friedrich Illert. Auch die Gründung des Deutschen Hugenotten-Vereins (heute Deutsche Hugenotten-Gesellschaft) 1890 in Friedrichsdorf ist in diesem Zusammenhang des Wiedererinnerns und der Sammlung der Hugenotten-Nachkommen zu sehen.
Auf die – mißlungenen – Versuche, im 20. Jahrhundert durch Gründung einer Hugenottensynode oder Hugenottenkirche an die Sonderrechte der Vergangenheit wieder anzuknüpfen, kann hier nicht eingegangen werden.

Schluß

Ich komme zum Schluß und möchte ganz knapp einige Überlegungen zu den angesprochenen Punkten Privileg – Konflikt – Integration zusammenfassen:

Privilegien für Hugenotten, die ihnen eine länger dauernde Sonderstellung brachten, hatten spezielle Bedeutung in den deutschen Territorien, wo die Franzosen besonders erwünschte Einwanderer waren, weil ihnen u.a. wirtschaftliche und kulturelle Überlegenheit zugeschrieben wurde und man von ihnen einen Beitrag zur Landesentwicklung erhoffte. Hier setzte man mehr als in England und den Niederlanden, wo das privatwirtschaftliche Element stärker war, auf staatliche (obrigkeitliche) Intervention. Allerdings war die Wirkung der staatlichen Zuschüsse etwa bei Manufakturgründungen in vielen Fällen nicht zufriedenstellend. Wenn die ökonomischen Faktoren ungünstig waren, nützten auch Subventionen nichts.
Sehr vorsichtig formuliert, könnte man in einzelnen Privilegienbestimmungen Vergleiche zu „Greencards“ ziehen. Die Erwartungen der Landesherrn an diese Einwanderer erfüllten sich in sehr unterschiedlichem Maße, je nach Territorium, in wirtschaftlicher Hinsicht waren es eher Langzeitwirkungen als direkte Förderung und m.E. vor allem die Auswirkungen neuer Methoden des Wirtschaftens. Das gilt auch für den ländlichen Bereich: Einführung unbekannter Kulturpflanzen (Obst und Gemüse, Sellerie, chicorée) sowie neuer Produktionsmethoden.

In der Beschreibung der Konflikte zwischen einwandernden Fremden und Deutschen kann man m.E. am einfachsten Parallelen zu heute ziehen. Daß es solche Konflikte zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen gab, ist nicht erstaunlich: ich habe die Eingriffe in Rechtspositionen Einheimischer und die verschiedenen wirtschaftlichen Konkurrenzsituationen genannt.

Integration.
Zwei Faktoren scheinen mir hier wichtig: Generell wurde der Kulturkreis, aus dem sie kamen, als dem Aufnahmeland überlegen betrachtet. So wurde auch ihr Beitrag zum Leben dieses Aufnahmelandes in kultureller und sprachlicher Hinsicht geachtet und hat sich länger erhalten als die Erinnerung an den wirtschaftlichen Beitrag.
Die zunächst etablierten kleinen „Parallelgesellschaften“, als die man die französischen Kolonien sehen kann, waren solche „positiver Minderheiten“. Eine interessante Überlegung dazu: man könnte sagen, daß die Ansiedlung in einer solchen Kolonie als Element mittelbarer Integration diente, sie war kostensparend und effizient – auch für den aufnehmenden Landesherrn und das Aufnahmeland. Denn dies bedeutete, dass die einzelnen Zuwanderer sich nicht individuell in einer fremden Umwelt durchsetzen mussten, sondern als Glieder einer Gruppe, die nach und nach integriert wurde. Darüber könnte man sicherlich diskutieren.

Ein vielleicht vereinfachtes Fazit aus dem historischen Vergleich: Integration von Fremden braucht ihre Zeit, sie ist ein vielschichtiger Vorgang, sie verläuft nicht nur in eine Richtung. In der Rückschau bleibt oft nur das Positive in Erinnerung.