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August 2017

Als mein Freund sterben mußte
von Günter Salzmann

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Zeitzeuge Günter Salzmann, Jahrgang 1928, Neu-Isenburger, war als Luftwaffenhelfer in einer der in der Ostgemarkung liegenden Flakstellungen eingesetzt. Eine von vielen Flak- oder Scheinwerferstellungen zum Schutze der Großstadt Frankfurt und des damaligen Rhein-Main-Flughafens vor feindlichen Bombenangriffen. Als Junge musste er erleben, wie eine Bombe in eine benachbarte Flakstellung einschlug, eine Stätte der Verwüstung und eine ganze Reihe toter Freunde und russischer Hilfskräfte hinterließ.

29. Januar 1944. Es ist ein kalter, unfreundlicher Vormittag. Tief liegen die Wolken über unserer Flakbatterie im Osten Neu-Isenburgs. Wir Luftwaffenhelfer warten auf den Lehrkörper der Goetheschule, der an diesem Tag unser Wissen über Mathematik auf Hochglanz bringen soll. Neben mir sitzt mein Freund Klaus Johansen, der genau das wissen will, was ich auch nicht weiß. Lachen ist unsere Antwort.
Und dann kommt alles anders. Gefechtsbereitschaft wird ausgerufen. Wir stürmen aus unserer Baracke an die Geschützstände. Im Anflug auf das Rhein-Main-Gebiet sind über 700 Kampfflugzeuge der amerikanischen Air Force. Gegen 11 Uhr erreichen die Verbände unseren Abschnitt. Tiefes Gedröhn der Flugzeugmotoren, mal lauter und mal leiser, erfüllt die Luft und strapaziert die Nerven. Ja, wir sehen die Gefahr greifbar vor uns. Gestützt auf die Daten unseres Funkmessgerätes schießen wir aus allen Rohren auf den nicht sichtbaren Gegner. Die Bomberpiloten geben ihre Antwort.

Wir hören Bombeneinschläge in Richtung Buchenbusch und dann schlagen die Bomben schon in unsere Stellung ein. Wir vom Geschütz „Dora“ hören starkes Zischen und werden von der Detonation einer in unmittelbarer Nähe einschlagenden Bombe an den Geschützwall geschleudert. Dann herrscht Stille. Grabesstille. Das Nachbargeschütz „Emil“ ist voll getroffen. Bei „Frieda“ schlägt die Bombe auf den Schutzwall.

Uns vom Nachbargeschütz „Dora“ stehen Angst und Entsetzen im Gesicht. Wir zittern in unseren schweißnassen Kleidern und wissen, dass wir noch einmal davon gekommen sind. Doch was ist mit „Emil“ und meinen Freund Klaus, mit dem ich noch vor einigen Minuten über Mathematik sprach? Das Geschütz liegt, aus seiner Verankerung gerissen, neben dem Wall und die Kanoniere, darunter mein Freund, sind alle tot. Von der Wucht der Explosion innerhalb weniger Sekunden zerrissen.
In diesen Minuten lernen wir jungen Luftwaffenhelfer das grausige Gesicht des Krieges kennen. Die Neu-Isenburger Bevölkerung gedenkt der Toten, als sie nach dem Angriff in Massen zur Flakbatterie kommt, um mit uns für die zu beten, die für mich auch heute noch unvergessen sind.

Bombenteppich über dem Buchenbusch
von Werner Krause

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Zeitzeuge Werner Krause, Jahrgang 1935, war Teilnehmer einer Veranstaltung des GHK und der ev.-ref. Gemeinde am Marktplatz am 20. Dezember 2003, unter dem Titel „Die Neu-Isenburger Schreckensnacht“. Sie erinnerte an den Bombenangriff am 20. Dezember 1943, als Neu-Isenburg zu über 40 Prozent zerstört wurde. Werner Krause erlebte sechs Wochen später einen weiteren Bombenangriff, über den er hier berichtet.

Wir hatten den schweren Luftangriff auf Neu-Isenburg am 20. Dezember 1943 überlebt. Unser Haus war unbewohnbar. Anfang des Jahres 1944 bekam mein Vater Sonderurlaub. Es war dies das letzte Mal dass ich meinen Vater sah. Er ist 1945 in Pommern gefallen. Aus allerlei zusammen gesuchtem Material wurde ein Schuppen gebaut, in dem wir einige unbeschädigt gebliebene Habseligkeiten abstellten.
Dann kam der 29. Januar 1944. Der Angriff war kurz aber heftig. Wir saßen im Lärchenweg im Keller. Ein Bombenteppich ging wie ein Hagelschauer über der Buchenbuschsiedlung und dem Wald in Richtung Sprendlingen nieder.

So nahe und in so schneller Folge der Einschläge hatten wir den Angriff im Dezember 1943 nicht empfunden. Nach dem Angriff gingen wir hinaus in den Garten. Die Luft war voller Staub, sodass man glauben konnte es sei Nebel. Und in diesem Staub schwirrten Bienen ziellos umher. Familie Marx hatte im Garten einige Bienenstöcke. Das erste was meine Mutter sagte, als ob es nichts Wichtigeres gäbe: „Frau Marx ihre Bienen!“

Als sich der Nebel gelichtet hatte, eilten wir zu unserem Grundstück im Ahornweg, um dort nachzusehen. Der Schuppen, den mein Vater und mein Onkel Anfang des Monats gebaut hatten, war verschwunden. Ein tiefer Krater war an seiner Stelle.
Ein paar Häuser weiter waren Nachbarn dabei vor dem Haus zu graben. Eine Bombe war außerhalb des Hauses neben der Kellerwand explodiert und hatte diese nach innen gedrückt. Zwei Frauen mit ihren Kindern und der Sohn der Hausbesitzer waren tot. Besonders tragisch war es, dass die Häuser der beiden Nachbarinnen, die mit ihren Kindern hier Zuflucht gesucht hatten, unbeschädigt geblieben waren.

Der Selbsterhaltungstrieb hatte uns damals gelehrt die Angst teilweise zu verdrängen und hatte uns gegenüber all dem Leid und Schrecken abgestumpft. Dennoch zählt das folgende Erlebnis für mich zu den traurigsten Erinnerungen an den Krieg:
Man war noch mit Aufräumarbeiten, nach der Bergung der Toten, beschäftigt. Plötzlich schien die Szene einzufrieren, als einer sagte: „Der Willy kommt!“. Wir starrten gebannt zum Ende der Straße und sahen unseren Friseur Willy Fischer. Wenn ich heute versuche ich mich in diesen Mann zu versetzen, bin ich immer wieder erschüttert. Er kommt in seine Straße, sieht dass am Nachbarhaus etwas passiert ist aber sein Haus ist unbeschädigt geblieben. Gott Lob, seiner Familie ist nichts geschehen. Er kommt näher und einer hat den Mut ihm zu sagen, dass er Frau und Tochter verloren hat. Und dann sehe ich wie dieser Mann an der Schulter meiner Mutter weint und immer nur sagt: „Gretel, das tut ja so weh, das tut ja so weh!“

Alarm nach Mitternacht
von Heinz Schickedanz

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Zeitzeuge Heinz Schickedanz, Jahrgang 1931, kennt die Schrecken des zweiten Weltkrieges. Besonders die der Bombenangriffe auf seine Heimatstadt Neu-Isenburg. Er erlebte viel Leidvolles, aber ab und zu gab es auch Episoden, die einer gewissen Komik nicht entbehrten.

Das kärgliche Abendessen war verzehrt. Aus dem Volksempfänger, den mein Vater kurz vor seiner Einberufung zur Wehrmacht im Dezember 1939 für 35 Reichsmark gekauft hatte, gab es die üblichen Siegesmeldungen und Durchhalteparolen. 1944 zogen sie nicht mehr. Die Menschen standen unter dem Schock der Bombenangriffe und versuchten nur noch zu überleben, was nicht immer leicht fiel.

Was die Erwachsenen besonders nervte und mürbe machten, waren die immer wieder aufheulenden Sirenen, die keinen geordneten Tagesablauf mehr zuließen. Wir Jungens sahen es anders. Voralarm am Vormittag bedeutete keine oder kaum Schule. Abends oder nachts ignorierte ich den Voralarm und stellte mich schlafend. So war es auch irgendwann im Februar 1944. Kurz nach Mitternacht heulten die Sirenen. Ich rührte mich nicht. Meine Mutter sprang aus dem Bett und zog sich flugs an. Zum Schutz gegen die Nachtkälte trug sie bei Fliegeralarm eine Trainingshose meines Vaters. Aus halb geschlossenen Augen sah ich wie sie immer wieder an der etwas weiten Hose „herum wurschtelte“ und versuchte ihre Kleidungsstücke unterzubringen.

Als es plötzlich Vollalarm gab, machte sie einen Schritt nach vorne und riss den gesamten Fenstervorhang herunter. Als ich trotz erster platzender Flakgranaten laut zu lachen begann, hielt sie einen Augenblick inne und lachte dann mit. Was war geschehen? Sie hatte in der Eile des Anziehens den lang herunter hängenden Vorhang erwischt, ihn mit in die Trainingshose gesteckt und damit den „Lacherfolg“ heraufbeschworen.

Der Alarm ging diesmal folgenlos vorüber. Nach einer guten Stunde im Luftschutzkeller, wo Mutter ihr „Pech“ schilderte und alle schmunzelten oder hellauf lachten und für einen kurzen Augenblick die Gefahr in der wir immer schwebten vergaßen, ging es wieder in die Wohnung, wo wir bis zum Wecken durchschliefen.

Frau Musicas Geschichte
von Hans Pfaff

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Vortrag von Hans Pfaff am 21.09.2003 anlässlich unserer Veranstaltung im Kirchgarten am Marktplatz.

Wir sind heute bei der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde am Marktplatz zu Gast. Lassen Sie mich deshalb mit der Musikgeschichte dieser Gemeinde beginnen. Sie ist teils erfreulich, teils tragisch, teils erhaben, teils deprimierend. Ich bemühe dazu meine Erinnerung und einige Quellen.

Bereits im Jahre 1812 wurde uns vom Vorhandensein einer Orgel berichtet. Das ist umso erstaunlicher, da wir wissen, dass diese Gemeinde alles andere als vermögend war. Gut fünfzig Jahre später, 1877, kaufte man bei Vogt aus Igstadt eine 13-registrige Orgel für 3.600 Mark. Gemessen an heutigen Verhältnissen entspräche das einem Anschaffungspreis von ca. 100.000 €. Es wird daraus ersichtlich, was den relativ armen Leuten das Lob Gottes wert war. 1909 wurde dann von der Firma Walcker eine Orgel mit 40 Registern auf 3 Manualen und Pedal in der erheblich erweiterten Kirche aufgestellt, die zwischen Frankfurt und Darmstadt größte Orgel. Die Initiatoren waren der damalige Pfarrer Illert und ein Lehrer Wolf, damals bekannt als erstrangiger Bachinterpret. Das Instrument hatte leider eintraurige Schicksal:

1942 erlitt es erheblichen Schaden durch Brandbomben, konnte aber im gleichen Jahr repariert und um 7 Register auf einer Seitenpore erweitert werden und bekam zusätzlich einen 4-manualigen Zentralspieltisch. Die Freude währte nur bis zum 21.12.1943. Beim damaligen Bombenangriff kam es zum Totalverlust von Kirche und Orgel. Der Organist, Herr Chambert, stand laut weinend vor den Trümmern seiner Wirkungsstätte. 1953 erstellte die Firma Walcker ein kleines Serieninstrument als Übergangslösung. Inzwischen stehen beachtliche Orgeln in anderen Neu-Isenburger Kirchen: eine Orgel von Jürgen Arendt in der Johannesgemeinde, von Dieter Nöske in der Buchenbuschgemeinde, von Hugo Mayer in St. Josef. Die Vorgängerorgeln in St. Josef waren eine kleine Orgel von Hoforgelbauer Keller aus Limburg (1877), gefolgt von einem sehr starken Verschleiß ausgesetztem Instrument der Firma Wagenbach (ca.1960). Die Marktplatzgemeinde sitzt noch immer auf ihrer Übergangslösung.

Natürlich gab es schon sehr früh einen Kirchenchor. Über seine älteste Geschichte liegen mir keine Informationen vor. Im späten 19. Jahrhundert formiert sich der Kirchenchor auf Vereinsbasis. Eine liturgische Funktion hatte er im Gottesdienst der reformierten Gemeinde nicht. Sein Repertoire beschränkte sich auf Kirchenliedbearbeitungen, Psalmvertonungen und gängige Hits wie „Himmelrühmen“ von Beethoven, „Heilig, heilig“ von Franz Schubert, „Dies ist der Tag des Herrn“ von Silcher und ähnliche romantisch orientierte Stücke. Drei Leiter möchte ich Ihnen nennen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert den Chor geleitet haben: Heinrich Leichter, der bereits erwähnte Herr Chambert und Heinrich Klenk. – Eine stilistische Wende trat ein, als Ende der 40er Jahre Kantor Emanuel Lenz die kirchenmusikalische Arbeit übernahm. Bachchoräle wurden gesungen, Sätze von Schütz, Schein und Scheidt und ähnliches. Der Chor wuchs und nannte sich evangelische Singakademie. Ziel war das große klassische Kirchenmusikrepertoire.

Ermutigt durch kapitalkräftige Sponsoren vollzogen dann Chor und Chorleiter die Trennung von der Kirchengemeinde. Wer konnte bei den freundlich wirkenden Ressourcen schon widerstehen? Für den Kirchendienst blieb nur ein schwaches Häuflein übrig. Dem so entstandenen Singakademie e.V. blieb aber auch keine allzu lange Lebensdauer. Immerhin, man sang Bachkantaten, da Weihnachtsoratorium, Die Schöpfung, die Jahreszeiten. Trotz aller Querelen – Emanuel Lenz bleibt ein Meilenstein in der Isenburger Musikgeschichte ebenso wie der für mich und viele unvergessene Heinrich Leichter, dessen Leistung ich später würdigen möchte.

In der katholischen Kirche bestand seit 1881 der Cäcilien- und Männerverein, Vorläufer des heute gemischten Chores St. Cäcilia. In der Nachkriegszeit wurde er geleitet von Heinirch Höhner, Musikdirektor, Bäckersohn aus Bad Vilbel, der auch vorübergehend Musiklehrer am alten Goethegymnasium war und dort mit großer Hingabe einen Schulchor gründete und leitete, von uns Schülern liebevoll „Chorschorsch“ genannt.

Das gesellschaftliche Leben in Neu-Isenburg des 19. Jahrhundert wurde ganz wesentlich durch die Vereine geprägt. Der älteste Verein war ein Gesangverein, der Singverein von 1832. Weitere Gesangvereine folgten: 1834 Frohsinn, 1862 – Kümmelquartett und Eintracht, 1904 – Sängerkranz. 1912 nochmals Eintracht, 1921 erfolgte die Vereinigung von Sängergruß und Kümmelquartett. Der Gesang rangiert bis zur Jahrhundertwende vor dem Sport. „Stadt der 1000 Sänger“ nannte der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb Neu-Isenburg in einem Festvortrag anlässlich des 250jährigen Jubiläums der Stadt. Einige der Vereine wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts politisch instrumentalisiert, was nicht zu einem gedeihlichen Miteinander beitrug.

Aus Neu-Isenburg stammen namhafte Gesangssolisten von internationalem Rang: Franz Völker, Anny Schlemm, Wilhelm Lang. Von Franz Völker erzählt man, dass er in jungen Jahren einmal mit einigen Kameraden heimlich das Klavier der Neu-Isenburger Pianistin Frau Röhl, genannt „Tante Röhl“, auf den „Eierhüwwel“ im Stadtwald transportiert hat, um dort einrauschendes Fest zu feiern.

Einige Worte zu den Instrumentalensembles der Vergangenheit in Neu-Isenburg. Die Gegenwart möchte und kann ich nicht bewerten. Da steht an erster Stelle der „Philharmonische Verein“, der auf Initiative von Heinrich Leichter 1912 gegründet wurde. Herr Leichter war Orchestergeiger aus der Schule von Professor Bassermann, aus der auch Paul Hindemith hervorging. Er scharte Verwandte, Bekannte, Kollegen, Schüler um sich und gründete ein kleines Sinfonieorchester von beachtlichem Niveau in enger Zusammenarbeit mit Kirchenchor. Man spielte Symphonien und Ouvertüren von Hydn, Beethoven, Mozart, Schubert, Rossini, Weber, Strauß, Lehár u.a. Gleichzeitig etwa formierte sich die Feuerwehrkapelle, ein Blasorchester, unter der Leitung des großherzoglichen Militärkapellmeisters Mathias Weber. Eine ganz Reihe der Bläser wirkte mit großer Freude im „Philharmonischen Verein“ bei Heinrich Leichter mit, eine äußerst fruchtbare Symbiose. Durch seinen Kontakt zu den Familien seiner Schüler organisierte Heinrich Leichter zahlreiche Kammer- und Hauskonzerte in Neu-Isenburg. Eine große Schülerzahl ist durch seine „Hände“ gegangen. Mein Vater war auch dabei.

Emanuel Lenz hat nach dem 2. Weltkrieg versucht, das Leichter`sche Erbe weiterzuführen. Die Bindung des Philharmonischen Vereins an die Intentionen der musikalischen und der kirchenmusikalischen Erneuerungsbewegung mit dem Schwerpunkt Barockmusik ist ihm leider nicht gelungen. Sie scheiterte letztlich an der Unbeweglichkeit der alten Vereinsmitglieder. Nachwuchs blieb aus. Vergebliche Rettungsversuche (leider in die falsche Richtung) machten Heinrich von Stein und Kapellmeister Hans Müller. Dann ging dieses einst so blühende Gewächs ein, übrigens ebenso die Feuerwehrkapelle. Zu erwähnen wäre noch der Mandolinen verein „Spessartfreunde“ von 1923.

Wenden wir uns abschließend noch einigen Kleinaktivitäten zu, die zur Gründung verschiedener Tanz- und Unterhaltungskapellen führten, deren Existenz aber weniger eine ideellen als einen merkantilen Hintergrund hatte. Die erste Kapelle dieser Art wurde 1884 gegründet und bestand aus 7 Mann in abenteuerlicher Besetzung: 2 Geigen, 2 Trompeten, 1 Flöte, 1 Klarinette, ein 3-seitiger Schrammelbass. Kapellen dieser Art spielten nach dem ersten Weltkrieg beim Stummfilm. Abenteuerliche Besetzungen hatten auch die nach dem zweiten Weltkrieg gegründeten Ensembles: die Kapellen von Hans und Karl Delrieux, Wilhelm Schickedanz und Franz Ackermann, der auch eine kleine Jugendband beim GYA gründete und leitete. Wirkungsstätten dieser Musikanten waren: Frankfurter Haus, Deutsches Haus, Café Wilcke-Wessinger, Café Marck, Gaststätte Grävenecker, Turnverein, Turngemeinde und Rhein-Main. Gespielt wurde zur Unterhaltung, bei Tanzveranstaltungen und sogenannten „akademischen Feiern“ anlässlich irgendwelcher Jubiläen. Das waren teils recht einträgliche Nebenjobs, von denen ich als Student auch profitieren konnte.

Quellennachweis: Karl Passet, Neu-Isenburg in alten Bildern (S.54); Heidi Fogel, Neu-Isenburg auf dem Weg vom Dorf zur Stadt (S.227 ff)

Es begann mit den Hugenotten
von Gudrun Petasch

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Die Gründung Neu-Isenburgs 1699 durch Graf Johann Philipp von Ysenburg und Büdingen zu Offenbach ist eine Folge der Widerrufung des Toleranzedikts von Nantes. Mit diesem „Edikt von Fontainebleau“ hatte der französische König Ludwig XIV. im Jahr 1685 einer zunehmend halbherzigen Duldung des – calvinistischen – Protestantismus ein Ende gesetzt. Etwa ein Fünftel aller „Hugenotten“, aus religiösen Gründen überwiegend Angehörige der ökonomischen und bildungsmäßigen Elite Frankreichs, verließen darauf illegal ihr Heimatland und fanden in den protestantischen Nachbarstaaten, vor allem aber bei den absolutistischen Landesherren des durch Krieg und Pest entleerten und wirtschaftlich rückständigen Alten Reiches, dankbare Aufnahme.

Als die Hoffnung des recht mittellosen ysenburgischen Grafen Johann Philipp scheiterte, mit Hilfe international orientierter Manufakturbetreiber und technisch avantgardistischer Handwerker aus Frankreich sein Residenzstädtchen Offenbach zu modernisieren, ließ er sich von einem Teil der Immigranten bewegen, ihnen an der Südgrenze zur Freien und Reichstadt Frankfurt Land zur Ansiedlung zu überlassen und diese Siedlung mit weitreichenden Privilegien auszustatten.

Am 24. Juli 1699 leisteten 34 französische Familienväter im Offenbacher Schloss dem Landesherrn den Treueeid. Im Gründungsprivileg billigte der Gründer der französisch-reformierten Kirchengemeinde und ihrem Konsistorium die weitgehenden lokalen Selbstverwaltungsrechte der reformierten französischen Kirchenordnung zu; in Fragen des Zivilrechts und der guten „Policey“ galt ergänzend das Solmser Landrecht. Im Schutz der weitgehenden ökonomischen und bürgerlichen Freiheiten entwickelte sich das anfänglich geplante Bauerndorf „Ysenburg“, „Welschdorf“ oder „Philippsdorf“ trotz Fluktuation und Armut schnell zu einem regionalen Zentrum der mechanischen Strumpfwirkerei.

Die Neu-Isenburger Wirtschaft atmete im Rhythmus der beiden jährlichen Frankfurter Messen. Die vor allem im Süden Frankreichs hochentwickelte Textilfabrikation wurde in Neu-Isenburg und Umgebung zur Quelle allmählichen Wohlstands und war der Hauptmotor kultureller und religiöser Vermischung. Hier wohnten und arbeiteten Hugenotten und Waldenser, französische und deutsche Reformierte, Lutheraner und später sogar Katholiken; die Schutzjuden der Umgebung trieben Handel mit der Dorfbevölkerung. Jedoch führte das Zusammenleben so unterschiedlicher Gruppen mit noch unterschiedlichen Rechten auch zu massiven Konflikten um Einfluss und Ressourcen, was die Modernisierung der Bevölkerung beförderte.

Die gewerbliche Grundstruktur des Dorfes und die damit verbundene frühe „Verankerung der methodischen Lebensführung“ (Max Weber) in allen Bevölkerungsgruppen hat den großen Aufschwung des Ortes im Zeitalter der Industrialisierung vorbereitet.

Bansamühle
von Bettina Stuckard

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„Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen.
Aus dem hohlen finsteren Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.“

Was Goethe da seinen Faust während des Osterspazierganges beobachten läßt, wiederholt sich auch zu unserer Zeit allsonntäglich im Wald um Neu-Isenburg. Zwar gab es um Isenburg nie eine Stadtmauer, so daß auch die Vorstellung eines finsteren Stadttores hinfällig wird, aber verkehrsreiche Straßen erfüllen heute einen ähnlichen Zweck: Kaum sind Friedensallee oder Carl-Ulrich-Straße überquert, läßt es sich ganz angenehm im Wald spazieren. Kiefernduft in der Nase und Kuckucksrufe im Ohr, ist es leicht, das hektische Treiben während der Woche zu vergessen.

Das die Natur der Erholung dient, ist noch keine sehr alte Erkenntnis, bis ins 18. Jahrhundert hinein wurde die Natur als etwas bedrohliches empfunden, deren Unberechenbarkeit für die Menschen existentielle Nöte mit sich bringen konnte. Erst mit der Aufklärung kam es zu einem veränderten Bewußtsein. Die Stadt wurde al begrenzter Lebensraum erfahren, in dem die Menschen auf engstem Raum miteinander leben mußten und strikten Reglementierungen unterworfen waren.

Die tradierten Normen und Werte legitimierten das Ständesystem und für individuelle Bestrebungen gab es keinen Raum in der bestehenden städtischen Gesellschaftsform. Das änderte sich mit der Französischen Revolution. Rousseaus „Zurück zur Natur“ umfasste zum einen die Natur des Menschen, seine Bedürfnisse, Sehweisen, Gewohnheiten und Menschenrechte (= die ihm von Natur aus zustehenden Rechte) und bezog sich zum anderen auf die natürliche Umgebung außerhalb der Stadt, die Wälder, Wiesen und Gärten miteinschloß. Die Entgrenzung durch die Natur ließ sich somit auf die gesamte Lebenswelt des aufgeklärten Bürgertums anwenden – Gesellschaft, Ökonomie, Kultur, Kunst, Lebensbedingungen – und stand der traditionellen Lebenswelt gegenüber.

Während in Frankfurt also das Leben durch den städtischen Rat bestimmt war, wurde alles, was vor den Stadttoren lag, zur Natur gezählt. Dazu gehörte auch das Dorf Neu-Isenburg. Inmitten von Gemüsegärten und Bleichwiesen, Viehweiden und Wälder zum Holzschlagen gelegen, eignete es sich für das idealisierende Bild der gestalteten Natur. Ob die Isenburger in ihrem Landschaftsgarten besonders harmonische Menschen waren, weil ihnen aus der Beschäftigung in und der Betrachtung aus der freien Natur eine Erkenntnis der Seinsweise erwuchs, sei dahingestellt.

Die freie Entfaltung der Vegetation entsprach der Idee von des neuen Menschenbildes, nach dem sich ein Individuum nach Vermögen und Veranlagung ausbilden können sollte – in einem Rahmen, dessen Ordnung Schutz und nicht zwanghafte Einschränkung bedeutete. Diesen Rahmen sollten die Familie und der ideale Staat gewährleisten. Als Konsequenz davon kam es in der Folge zu einem Rückzug ins Private. Eine Aufteilung der Lebensprozesse wurde vorgenommen, die bei den reichen Frankfurter Familien eine Aufspaltung der Lebenswelt nach sich zog: Gearbeitet wurde in der Stadt und innerhalb der engen Mauern die Restriktionen akzeptiert und weitergetragen; Erholung und Freizeit, freiheitliches Leben, fand dagegen außerhalb der Stadtmauern statt.

Ende des 18. Jhd. wurde es Mode, daß die wohlhabenderen Frankfurter Familien sich Gartenhäuser und Sommersitze vor den Toren Frankfurts zulegten. Häufig wurden dabei landwirtschaftliche Höfe aufgekauft und teilweise umfunktioniert, wie die Bansamühle, die agrarwirtschaftlich genutzt wurde, und deren Haupthaus als Palais ausgebaut wurde. Der Auszug aus der engen Stadt war gleichzeitig Ausbruch aus den engen Konventionen, denn vor der Stadt waren die Bürger ihren Verpflichtungen des Stadtbezirks enthoben.

Innerhalb Frankfurts wurden die Bürger bis in den privatesten Bereich hinein reglementiert: Was angezogen, gegessen und gelesen werden durfte, war vorgeschrieben. Außerhalb der Stadt bestimmte allein das finanzielle Vermögen, welche Freiheiten möglich waren. Möbel, Lebensmittel, Bücher, die legal nicht in die Stadt gebracht werden konnten, wurden in die Gartenhäuser gebracht, von auswärtigen Besuchern und Geschäftsfreunden erfuhr der Rat nichts. Gartenhäuser waren somit Orte der bürgerlich liberalen Ungebundenheit und ermöglichten ein freies Leben. Das Gartenhaus wurde im allgemeinen von der Familie bewohnt und war Mittelpunkt des privaten Lebens, Ort der Privatshpäre. In der Architektur der Gartenhäuser wurde der Anspruch nach einer Verbindung des Schönen mit dem Zweckmäßigen beachtet: Das praktische Bedürfnis nach Erholung in schöner Umgebung.

Auch die Bansamühle, eigentlich Löbersche Mühle, wurde im 18. Jahrhundert als Gartenhaus umgebaut, indem die Familien Schönemann und Bansa ihre Sommer verbrachten. Gebaut wurde die Mühle 1705 von dem Baumeister der Neu-Isenburger Stadtanlage, Andreas Löber. Löber hatte von Graf Johann Philipp von Isenburg den Auftrag erhalten, für die französischen Hugenotten, die als Flüchtlinge von dem Graf Asyl bekommen hatten, eine Stadt zu bauen. Löber selbst kaufte sich ganz in der Nähe „seiner“ Stadt ein Stück Land und errichtete eine Mühle im barocken Stil.

1712 starb Löber und die Mühle ging durch einige Hände, bis sie 1762 der Bankier Johann Wolfgang Schönemann, der Vater von Goethes späteren Verlobten Lilli, kaufte. 1766 erwarben die Brüder Johann Conrad und Johann Matthias Bansa die Mühle. Hier pflegten sie ihr Gesellschaftsleben und zu dem engeren Freundeskreis, der sich regelmäßig auf der Mühle traf, gehörten Goethes Mutter, die Familien Willemer, Brentano und Gontard. Zwar gibt es keine schriftlichen Zeugnisse, daß Goethe je selbst auf der Bansamühle zu Gast war, aber sicher ist sie ihm nicht unbekannt gewesen, und die Freundschaft der Familien Goethe und Bansa wird in den Briefen der Eleophe Bansa (Ein Lebensbild in Briefen aus der Biedermeierzeit) oft betont. Es fällt also nicht schwer, sich vorzustellen, wie Goethe im Garten der Bansamühle gesessen haben mag, und ihm ein paar Zeilen für sein neues Drama eingefallen sind:

„Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet Groß und Klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

Alexandria
von Bettina Stuckard

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Neu-Isenburg nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Stadt liegt in Schutt und Asche. Nahezu alle Häuser sind nach den Bombenangriffen beschädigt, viele zerstört worden. Es mangelt am Grundsätzlichen: Zuwenig Wohnraum, zuwenig Nahrungsmittel, zuwenig Kleidung. Es werden notdürftige Holzbaracken gezimmert, in denen die Menschen vorerst unterkommen. Es werden mühsame Versuche unternommen, den schlechten Böden einen geringen Ertrag abzuringen, um etwas Gemüse oder ein paar Kartoffeln zu bekommen. Es werden aus Vorhängen und alten Uniformen Wintermäntel genäht. Trotzdem sitzen in den provisorischen Schulzimmern unterernährte Kinder, frieren die Isenburger in ihren Notunterkünften.

In dieser Situation bekommt die Stadt unerwartete Hilfe: Ausgerechnet von den ehemaligen Kriegsgegnern, von den Amerikanern, wird ein Hilfsprojekt ins Leben gerufen. Selbst von den Nachkriegwehen betroffen, schlossen sich amerikanische Bürger zusammen, sammelten Kleidung und Nahrungsmittel und schickten diese nach Deutschland. Care-Pakete und Kleidersäcke – an die Freude über diese Gaben daran erinnern sich noch einige der älteren Isenburger.

Ein Wille zur Hilfe kann nur dann umgesetzt werden, wenn die Organisationsstrukturen gut durchdacht sind. Auf amerikanischer Seite hatten sich mehrere große Wohlfahrtsverbände zusammengetan und einen Dachverband, den CRALOG gegründet. Die Anfangsbuchstaben stehen für Council of Relief Agencies Licensed for Operation Germany. Dieser Dachverband, mit Sitz in Berlin, koordinierte die nach Deutschland fließenden „Liebesgaben“, wie die Hilfsgüter genannt wurden, die die amerikanische Bürger spendeten. Auf deutscher Seite sorgte der „Deutsche Zentralausschuß für die Verteilung ausländischer Liebesgaben beim Länderrat“ dafür, daß die Hilfe an die richtigen Stellen weitergeleitet wurde. Das Hilfswerk der Ev. Kirche in Deutschland und der Landes-Caritas-Verband bildeten den Vorsitz des Deutschen Zentralausschusses.

Die Vermittlung der Hilfe erfolgte, indem sich eine amerikanische Stadt bereit erklärte, eine Patenschaft für eine deutsche Stadt zu übernehmen.
Am 20. Januar 1948 besuchten die Vertreter der CRALOG Neu-Isenburg: Dr. Owen J.C. Norem, Field Director und Vertreter für Deutschland, Mr. Kenneth B. Wentzel, Vertreter für Hessen. Bereits zuvor hatten sie einen Fotoband über Neu-Isenburg erhalten und waren über die Lage informiert worden. Gemeinsam mit Maj. Sheehan, Leiter der Landesmilitärregierung in Offenbach, Landrat Arnoul und Bürgermeister Bauer wurde die Patenschaft besprochen. Alle Beteiligten waren sich einig, daß es ihnen nicht nur auf die materielle Hilfe ankam, sondern auch darauf, daß menschliche Verbindungen zustande kämen und „durch eine solche Freundschaft zweier Städte in verschiedenen Ländern der wertvollste Beitrag zur Befriedung der Menschheit überhaupt getätigt wird“. So formulierte es der damalige Bürgermeister der Stadt Neu-Isenburg, Adolf Bauer, als sich ihm die Stadt Alexandria im Staate Minnesota vorstellte: Alexandria, damals nur halb so groß wie Neu-Isenburg, mit 7.000 Einwohnern, von denen 75% Protestanten, 25 % Katholiken und 75% deutscher oder skandinavischer Abstammung waren, mit wenig Industrie, aber gesunden Handwerks- und Handelsunternehmen.

In Alexandria wurden innerhalb kürzester Zeit 2,5 Tonnen guterhaltene Kleidung gesammelt. Allerdings sollte es ein gutes Jahr dauern, bis die Hilfslieferung in Neu-Isenburg ankamen, denn die vielen Zollbestimmungen nach dem Krieg und der durch die Militärregierung eingeschränkte Informationsfluß verzögerte die Weiterleitung. Um dem quälenden Warten vorzubeugen, entschied sich die Neu-Isenburger Stadtverwaltung dazu, die Bürgerinnen der Stadt vorerst nicht über die zu erwartenden Hilfsgütern zu informieren. Die Verteilung der Kleidung wurde den Isenburger Wohlfahrtsverbänden übertragen: Caritas, Inneren Mission, Arbeiterwohlfahrt, Rotes Kreuz und die Vertreter der städtischen Wohlfahrtsbehörde bildeten eine Komitee. Hier wurde bestimmt, wer Kleidung erhalten und in welcher Form die Verteilung vorgenommen werden sollte.

Am 21.12.1948 wurde das Eintreffen der Hilfslieferung aus Alexandria im Saal des Turnvereins gefeiert und die Spenden der Partnerstadt verteilt. Die Weihnachtsfeier wurde vom Philharmonischen Verein musikalisch gestaltetet; Vertreter der Hilfsorganisationen und amerikanische Gäste waren eingeladen, um das ganz besondere Weihnachtsgeschenk für die Isenburger Bürger entsprechend zu würdigen. In den kommenden Wochen konnten sich dann viele Familien über ihre „neuen“ Kleidungsstücke freuen.

Eine von ihnen war Gisela Elsinger, 14 Jahre alt, die mit ihrem Zwillingsbruder Rudi im Frühjahr zur Konfirmation gehen sollte. Der Vater war in russischer Kriegsgefangenschaft und die Mutter kam nur mühsam über die Runden. Sie war sehr froh, als sie von der „braunen Schwester“, Schwester Anna, auf das Kleiderlager alten Stadtbad aufmerksam gemacht wurde, wo die Kleidung aus Amerika zur Verteilung gelagert wurden. Ein dunkelblaues Chiffonkleid mit rosa Paspeln wurde für Gisela Elsinger als Vorstellungskleid ausgesucht, ein schwarzes Kleid mit weißen „Mäusezähnchen“ als Konfirmationskleid. Der Bruder bekam einen dunklen Anzug. „Ich war begeistert“ erinnert sich Gisela Bartsch, wie sie heute heißt. „Die Kleider waren tadellos, nur etwas angestaubt.“ Freundinnen kamen, um sich die Kleider anzusehen. Die Kleider aus Alexandria hat Gisela Bartsch auch deshalb so genau in Erinnerung, weil sie darin den Vater begrüßen konnte, der als Spätheimkehrer kurz vor ihrer Konfirmation im Frühjahr 1949 nach Hause kam.

Fünfzig Jahre sind seit dieser bewegten Zeit vergangen. Der Kontakt mit Alexandria ist nach einer zweiten Hilfslieferung, die 1951 eintraf und aus 1.682 Paar Schuhen bestand, eingeschlafen. Vielleicht waren die Isenburger während des Wiederaufbaus zu beschäftigt, um sich der Großzügigkeit Alexandrias erkenntlich zu zeigen; vielleicht waren keine privaten Kontakte zustande gekommen, wie dies ursprünglich von beiden Seiten erwünscht gewesen war – über die Gründe ist in den städtischen Akten nichts zu finden. Auch über die Menschen, die damals Kleidungsstücke in Empfang nehmen konnten, ist nichts bekannt, wenn es nicht glücklichen Umständen zu verdanken ist, daß einzelne sich zu Wort melden.

Isenburger Wäscherinnen – Alltag im 19. Jht.
von Bettina Stuckard

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Im 19. Jahrhundert war es für Frauen in bürgerlichen Kreisen unüblich, einer Lohnerwerbsarbeit nachzugehen. Ein Ehemann bzw. die Familie versorgte die Frau. Für Frauen aus unteren Schichten war Lohnarbeit dagegen für das Überleben unverzichtbar. Häufig wurden Mädchen bereits mit 13 Jahren „in Stellung“ gegeben und mußten als Dienstmädchen oder als Fabrikarbeiterin arbeiten. Die Arbeitsbereiche von Frauen entsprachen den Aufgaben, die von ihnen auch im Privaten erwartet wurden: Waschen, Putzen, Nähen, Kochen – in der Industrie wurden diese Beschäftigungen vor allem in der Textilindustrie und dem Reinigungsgewerbe geleistet.

Während es in Frankfurt im Zuge der Industrialisierung viele Fabriken gab, arbeiteten Frauen in Neu-Isenburg vor allem in einer der 76 Wäschereien, die 1897 existierten. Diese Wäschereien waren kleine Familienbetriebe, in denen bis zu sieben Angestellte beschäftigt waren. Insgesamt waren 208 Frauen als Wäscherinnen oder Büglerinnen angestellt. In den meisten Betrieben wurde gewaschen und gebügelt, so daß die Frauen viele Aufgaben hatten. Der Arbeitstag war lang, und es war keine Seltenheit, daß bis in die Nacht gearbeitet wurde. Da es keine festgelegte Arbeitszeiten gab, wurden Überstunden nicht bezahlt. Üblich waren Arbeitszeiten von 13 – 14 Stunden, für die die Wäscherinnen 1,20 Mark bis 1,30 Mark am Tag erhielten. Frauen verdienten im Vergleich zu Männern sehr schlecht: Das Gehalt eines Schreiners betrug 1902 am Tag zwischen 3,62 Mark und 5,70 Mark. Die Grundnahrungsmittel waren nicht billig:

ein Pfund Kartoffeln: 9 Pfennige
ein Pfund Brot: 15 Pfennige
ein Liter Milch: 20 Pfennige
ein Pfund Mehl: 18 Pfennige
ein Pfund Zucker: 27 Pfennige
ein Hering: 4 -5 Pfennige
ein Pfund Schweinefleisch: 1,02 Mark

Es kam vor, daß Frauen 18 Stunden am Stück beschäftigt wurden, und die Arbeit des nächsten Tages in der Nacht erledigt werden mußte. Der nächste Tag konnte von den Wäschereibesitzern dann – unbezahlt! – freigegeben werden. „Freie Kost“ wurde den Arbeiterinnen in den Wäschereien gestellt. Häufig war das Essen jedoch von sehr schlechter Qualität. Hauptsächlich bestand es aus Kartoffeln und Butter, was beides rationiert ausgegeben wurde. Heringe gehörten ebenfalls zum Arme-Leute-Essen.

Eine Frau, die unter solchen Bedingungen arbeitete, stand vor dem Problem, daß sie auch noch Kinder, Ehemann und Haushalt versorgen mußte. Kinder hatten die meisten Arbeiterinnen. 6-12 Geburten waren die Regel, davon überlebte etwa die Hälfte der Kinder. Empfängnisverhütung wurde durch § 184 des Strafgesetzbuches für das deutsche Reich, dem „Sittlichkeitspararaphen“, erschwert: Unsittlich, und somit strafbar, war, wer „Gegenstände, die zu unzüchtigem Gebrauche bestimmt sind, an Orten, welche dem Publikum zugänglich sind, ausstellt oder solche Gegenstände dem Publikum ankündigt oder anpreist.“ Zu diesen Gegenständen gehörten auch die Verhütungsmittel. Für Arbeiterfrauen waren empfängnisverhütende Mittel ohnehin viel zu teuer. Sie nahmen Abtreibungen in Kauf, die häufig als einzige Möglichkeit praktiziert wurden, um eine Schwangerschaft zu verhindern. Reichte der Lohn des Mannes nicht aus, um einen eigenen Hausstand zu gründen, blieb es bei einem Liebesverhältnis zwischen Frau und Mann. Unverheiratete Mütter mußten in jedem Fall mit der Verachtung ihrer Umwelt leben. Die verheiratete Frau, die dazuverdienen mußte, um den Lebensunterhalt zu sichern, war unter Arbeiterinnen die Norm. In bürgerlichen Kreisen wurde eine Berufstätigkeit der Frau dagegen als unschicklich angesehen, bestenfalls überbrückte sie die Zeit zwischen Schule und Ehe mit einer kurzfristigen Erwerbstätigkeit.

Eine Neu-Isenburger Wäscherin hatte das Leben der Bürgersfrau stets vor Augen: Die feingestickte Wäsche der reichen Frankfurter Haushalte stapelte sich jeden Tag vor ihr auf. Der süße Duft frischer Wäsche verschaffte den Wäscherinnen ein saures Dasein. Zunächst wurde die schmutzige Wäsche von den Wäschewagen der Betriebe bei der Kundschaft in Frankfurt eingesammelt. Bis der Wäschewagen die gestärkte und gebügelte Wäsche dann wieder auslieferte, wurden viele Arbeitsgänge durchlaufen: Zunächst mußte die Wäsche in die Waschküche geschafft werden, in der ein heizbarer Waschkessel stand. Unter dem Kessel wurde ein Feuer entzündet, während die Lehrmädchen mit großen Karren Bottiche voll Wasser aus dem nahen Luderbach herankarrten. Die Wäsche wurde eingeweicht und schließlich in das kochende Wasser des Waschkessels gewuchtet. Mit großen Holzlöffeln wurde die Wäsche bewegt, dann wieder herausgenommen, auf Waschbrettern, den „Ruffeln“, bearbeitet und durch die Wringmaschine gedreht.

Nun mußte die Wäsche mehrfach ausgespült und wieder ausgewrungen werden. Dann wurde sie zum Bleichen auf die großen Bleichwiesen gebracht, die sich im Osten der Stadt an die Wiesenstraße anschlossen. Die Wäsche wurde auf der Wiese ausgebreitet, durch Begießen feucht gehalten und immer wieder gewendet, bis sie fleckenlos und strahlendweiß gebleicht war. Die „Isenburger Rasenbleiche“ wurde zum Gütezeichen der Stadt und die Bleichwiesen waren ein bedeutender Wirtschaftsfaktor: Die Wiesen um Neu-Isenburg waren feucht, weil die Lehmschichten im Boden das Regenwasser festhielten. Das weiche Wasser eignete sich besonders gut zum Wäschewaschen. Nur in Kelsterbach herrschten ähnlich ideale Zustände, so daß die Isenburger Wäschereien kaum Konkurrenz zu fürchten hatten. Die Abwässer der Wäschereien flossen zusammen mit allen anderen Abwässern wieder in den Luderbach: Ein ekelerregender Gestank war die Folge. Das Abwasserproblem wurde erst 1914 gelöst, als Neu-Isenburg seine Schmutzwässer in die Frankfurter Kanalisation leiten konnte.

Nach dem Waschen mußte die Wäsche zunächst gestärkt, dann gebügelt werden. Auf dem Bügelofen wurden dazu mehrere Bügeleisen erwärmt, so daß die Büglerinnen ununterbrochen beschäftigt waren. Die Arbeit wurde im Stehen verrichtet. Eine Arbeitsplatzbeschreibung für Bügeleien, die 1908 von der Frauenrechtlerin Henriette Fürth vorgestellt wurde, macht deutlich, wie anstrengend auch diese Arbeit gewesen sein muß:

Bügelei: nur für ältere, mindestens 17jährige und sehr kräftige Mädchen geeignet, allen anderen entschieden zu widerraten.
Arbeit: Stehend zu verrichten. Bügeln von Kleidern, Herren-, Damen- und Hauswäsche.
Lehrzeit: In einzelnen Betrieben keine. Dort Anfangsvergütung im 1. Jahr von 70 bis 80 Pf. pro Tag. Anderwärts wird für eine Lehrzeit, die 3-6 Monate dauert, ein Lehrgeld von 40 Mk. entrichtet. Nach dieser Zeit tritt Akkordarbeit ein.
Lohn: Anfangslohn im Akkord 9-10 Mk., im Wochenlohn 6 Mk., Durchschnittslohn 10 Mk. Höchstlohn (nur bei Schädigung der Gesundheit erreichbar) 18 Mk. wöchentlich.
Arbeitszeit: 10 bis 10 1/2 Stunden. Ueberarbeit nach Stundensatz entlohnt. In einzelnen Betrieben mit Wochenlohn keine Vergütung für Ueberstunden. In manchen Betrieben Verköstigung. Bügelofen meist mit Koks geheizt und im gleichen Raum aufgestellt. Gesundheitsgefahren sind vorhanden.

Eine junge Frau, die 1897 in einer Neu-Isenburger Wäscherei als Lehrmädchen arbeitete, hatte wenig Zeit für Vergnügungen. Tanzveranstaltungen am Wochenende bildeten eine Abwechslung in ihrem harten Leben: Hier bot sich ihr die Gelegenheit, Männer kennenzulernen. Turn-, Gesangs oder Schützenvereine blieben den Männern vorbehalten. Da nur ein Ehemann die drückende Situation der Frau erleichtern konnte – zumindest, wenn sich nicht allzuviele Kinder einstellten – war es für die unverheiratete Frau wichtig, gezielt für sich zu werben: Das Schönheitsideal des ausgehenden Jahrhunderts verlangte einen üppigen Busen, breite Hüften, Wespentaille, einen flachen Bauch und ein ausladendes Hinterteil. Ein Korsett ermöglichte die Formgebung der Figur und die Betonung der Geschlechtsmerkmale. Nahezu alle Frauen trugen um 1900 ein Korsett, obwohl selbst die einfachsten Ausführungen das Einkommen einer Arbeiterin überschritt. Wenn sie nicht auf die billige Fabrikware zurückgreifen konnten, nähten sie ihre Korsetts selbst. Schlecht sitzende Korsetts und starke Schnürungen hatten Leberschäden, Deformationen wie „Schnürfurchen“ und andere Gesundheitsschäden zur Folge. Das Korsett wurde über das Hemd und die im Schritt offene Hose gezogen, über das Korsett kam die Untertaille, ein oder zwei Unterröcke, gestrickte Strümpfe, das Kleid und die Schürze. Die Unterkleidung wog insgesamt etwa 3,5 Pfund.

Es bleibt offen, ob die Isenburger Wäscherinnen tatsächlich bei ihrer Arbeit die übliche Unterkleidung trugen, oder ob sie auf einige Kleidungsstücke verzichteten, um sich die Beweglichkeit bei der Arbeit zu erleichtern. Da die bürgerlichen Frauen jedoch Vorbild der einfacheren Frauen waren und Reformbewegungen von Frauenrechtlerinnen und Medizinern erfolglos blieben, muß letzteres bezweifelt werden. Die Kleidung der Arbeiterinnen bestand aus derben und leicht zu pflegenden Stoffen wie Baumwolle und Leinen. Das Sonntagskleid war aus dunklem Wollstoff, worauf Flecken nicht auffielen. Das „gute“ Kleid war häufig das Kleid, in dem eine Frau geheiratet hatte und das sie dann an den Feiertagen auftrug. Dementsprechend wurde in Schwarz geheiratet. Hygiene wurde aufgrund vieler Körpertabus, aber auch wegen der beengten Wohnverhältnisse, ungeheizter Räume, Zeitmangel und Armut klein geschrieben: Das Hemd, das oft gleichzeitig als Nachthemd diente, war so geschnitten, daß es einen großen Halsausschnitt hatte, um das Waschen zu erleichtern. Einen gutgefüllten Wäscheschrank, in dem die Wäsche für ein ganzes Leben als Mitgift in die Ehe gebracht wurde, konnten nur bessergestellte Frauen aufweisen. Die Arbeiterinnen waren froh, wenn sie überhaupt ein Hemd zum Wechseln im Schrank hatten.

Die Verhältnisse, in denen Frauen in Neu-Isenburg lebten, verbesserten sich erst durch die Reformen, die die Frauenrechtlerinnen durchsetzten. In Frankfurt wurden zahlreiche Vereine gegründet, in denen Frauen Hilfe angeboten wurde: Der Bund für Mutterschutz setzte sich für Entbindungsheime für ledige Mütter und Wohnheime für Mutter und Kind ein, es entstanden Beratungsstellen für Frauen, wie Frauenrechtsschutzstellen, im Verein Frauenbildung-Frauenstudium wurden Bildungsmöglichkeiten für Frauen eingefordert, ebenso im Bildungsverein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse, es wurde eine Frauenwohnungsgenossenschaft gegründet und vieles mehr. Der Streik der Wäscherinnen in Neu-Isenburg 1897, unterstützt von der bürgerlichen Frauenbewegung, ist ein entscheidender Schritt im Wandlungsprozeß zu einer freieren Gesellschaft gewesen.

Quellen:

Fogel, Heidi: „Neu-Isenburg auf dem Weg vom Dorf zur Stadt an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert“ Zum 100. Jahrestag der Stadterhebung Neu-Isenburgs am 21. August 1894. Magistrat der Stadt Neu-Isenburg. mt Druck Walter Thiele, Neu-Isenburg, 1994.

Junker, Almut; Stille, Eva: „Zur Geschichte der Unterwäsche 1700-1960“ Kleine Schriften des Historischen Museums Frankfurt, Band 39. Hassmüller KG, Frankfurt, 1991.

Orland, Barbara: „Haushalts Träume. Ein Jahrhundert Technisierung und Rationalisierung im Haushalt“ Arbeitsgemeinschaft Hauswirtschaft e.V. und Stiftung Verbraucherinstitut (Hrsg.). Robert Langewiesche Nachfolger Hans Köster, Königstein im Taunus, 1990.

Schmidt-Linsenhoff, Viktoria; Hoffmann, Detlef; Junker, Almut; Kübler, Sabine; Mattausch, Roswitha: „Frauenalltag und Frauenbewegung: 1890-1980“ Katalog Hist. Museum Frankfurt a. M. – Basel:Stroemfeld; Frankfurt a. M.: Roter Stern, 1981.

Kleine Presse
13.4.1897, 16.4.1897, 18,4.1897, 22.4.1897, 27.4.1897, 2.5.1897, 8.5.1897, 9.5.1897, 11.5.1897, 13.5.1897, 16.5.1897, 19.5.1897, 21.5.1897, 22.5.1897, 27.5.1897, 5.6.1897, 6.6.1897.

Neu-Isenburger Anzeigeblatt
24.6.1896, 5.9.1896, 19.9.1896, 14.4.1897, 17.4.1897, 28.4.1897, 1.5.1897, 12.5.1897, 26.5.1897, 29.5.1897, 5.6.1897. August Koch, Neu-Isenburg.